Markt gibt Geheimnisse preis
Ausgrabungen: Fundament vom
Alten Rathaus gut erhalten - Sumpfig im Mittelalter
| Halle/MZ. Auf Halles Markt scheint sich eine archäologische Sensation
anzubahnen: Bei den Bauarbeiten wurde nicht nur ein großer Teil des
mittelalterlichen Kirchenfriedhofs von Sankt Marien mit gut erhaltenen
Särgen und Skeletten gefunden (die MZ berichtete). Vor dem Ratshof ist in
etwa zwei Metern Tiefe das fast unversehrte Fundament des Alten Rathauses
entdeckt und schon gut sichtbar freigelegt worden. Mehr noch: Zu Füßen der
Hausmannstürme wissen der promovierte Archäologe, Volker Herrmann, und seine
Mitarbeiter auch das Fundament der mittelalterlichen Marienkirche, deren
Glockenturm sehr wahrscheinlich der heutige Rote Turm war. "Das Gotteshaus",
sagt Grabungsleiter Herrmann, "ist im 16. Jahrhundert abgetragen worden."
Geblieben sind nur noch die Fundamente. Mancher helle Sandsteinquader fand
wahrscheinlich an der Gertrudenkirche hinter den Hausmannstürmen Verwendung. |
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Der Marktplatz gibt seine letzten
Geheimnisse preis. Archäologen gruben jetzt das gut erhaltene Fundament
des mittelalterlichen Rathauses aus. Passanten schauen zu, stellen oft
Fragen und genießen den Blick in die Stadtgeschichte. (MZ-Foto: Bettina
Wiederhold) |
Angesichts solcher Bodendenkmale, wie der archäologische Begriff lautet,
schlagen die Herzen aller Fachleute höher. Auch wenn die Funde, wie der aus
Franken stammende Herrmann sagt, "nicht alle museal aufbereitet werden
können". Die Grabungsfelder werden vermessen, gezeichnet, fotografiert und
topografisch erfasst - und anschließend wieder geschlossen. "Es geht nicht
anders", sagt der Fachmann. Spannend fände er aber, die entdeckten
Fundamente in Form einer Pflasterzeichnung lebendig werden zu lassen. "Damit
bekämen die Hallenser wichtige Informationen über ihre Stadtgeschichte",
sagte Herrmann.
Und die Hallenser sind neugierig. Seit Beginn der Ausgrabungen Mitte August
kommen sie in Scharen zur Baustelle. Paul Schallert aus Neustadt, Irene
Rademacher aus der Torstraße und die beiden Gymnasiasten Florian und
Christopher sind fast täglich auf dem Markt. Schallert hat immer seinen
Fotoapparat dabei. "Ich interessiere mich sehr für die Geschichte der Stadt.
Die Ausgrabungen halte ich alle fest", sagt er. Frau Rademacher unterhält
sich manchmal auch ein paar Minuten mit den Archäologen. "Die erklären einem
alles sehr geduldig", meinte die 63-Jährige.
Bevor alle Funde bearbeitet und dokumentiert sind, vergehen Jahre. Die
Bauleute können natürlich so lange nicht warten. Der Markt soll bis zum
Stadtjubiläum fertig sein. Und: Der Winter steht vor der Tür. Das verursacht
enormen Termindruck, den auch Herrmann und seine etwa zehn Mitstreiter zu
spüren bekommen. "Es wäre besser gewesen", so der Bodendenkmalpfleger, "wenn
wir schon in der Planungsphase mit am Tisch gesessen hätten. Es musste doch
allen Beteiligten klar sein, dass man am Markt auf verschiedenste Funde
stoßen würde."
Das jetzt offenbarte Kapitel Stadtgeschichte könnte den Markt so
beschreiben: Im Mittelalter lag der Platz auf einem Hügel, der zur Saale hin
abfiel. Ein Bummel war ohne jeden Spaßfaktor: Dreck und Schlamm, je nach
Jahreszeit, machten Handel und Wandel nicht gerade zum Vergnügen. Der Markt
hatte auch längst nicht die Größe des heutigen Platzes. Zersiedelt, ein
Friedhof an der Kirchmauer und zahlreiche Bauten mit Steinsockel und
aufgesetztem Holzfachwerk prägten sein Gesicht . . .
Diese Angaben dürften schon recht präzise sein, findet die Vor- und
Frühgeschichtlerin beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Dr.
Caroline Schulz. Die temperamentvolle Hamburgerin, seit 1996 mit Familie
Wahl-Hallenserin, ist fasziniert von den mittelalterlichen Funden. Ihre
Behörde ist an beinahe jeder Baustelle, vom privaten Häuslebauer bis zur
Autobahn, beteiligt, wie sie sagt. Die Genehmigung des Landesamtes ist
Bestandteil der Bau- und Sanierungsgenehmigung überall da, wo Funde zu
erwarten sind, sagt sie weiter.
Frauen- und Kinderskelette und Holzsärge, die vor dem Marktschlösschen
geborgen wurden, lagern in Magazinen, bis Anthropologen sie untersuchen.
Caroline Schulz: "Das ist spannend. Man kann mit der entsprechenden Technik
nicht nur die Art des Holzes, sondern auch sein Alter feststellen." Und die
menschlichen Überreste sprechen ihre eigene Sprache. "Krankheiten und
Mangelerscheinungen zu Lebzeiten, Alter, Geschlecht und Todesursache, all
das fördern die Untersuchungen ans Licht", sagt sie.
Quelle: Mitteldeutsche Zeitung, 04.10.2004,
Kornelia Privenau |
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