Die Stadt, der Klotz und der Prozess
Halle sucht den Schuldigen für einen ausufernden Bauskandal
Halle - Nach Leipzig hat nun auch Halle seinen Bauskandal -
die Frage ist nur noch, wer am Ende am Pranger steht. Schon jetzt freilich
ist offenkundig, was bei dem Verfahren auf der Strecke bleibt: das
„Leitbild" der größten Stadt Sachsen-Anhalts, die als eine der
besterhaltenen Großstädte Deutschlands gilt und mit ihrem viel bewunderten
Marktplatz ein Kleinod der Städtebaukunst besaß.
Man muss sagen: „besaß" - denn der Betonklotz, den ein Kaufhauskonzern
jetzt mitten auf den Marktplatz gekippt hat, zertrümmert, was der Krieg
gnädig verschont hatte. Das von den Kölner Architekten Kister,
Scheithauer, Gross errichtete Bauwerk, denen Halle einige ordentlich
gestaltete Gebäude im Händelkarree verdankt, ist eine
zusammengeklumpte, unförmige, unproportionierte Baumasse, die das
feingliedrige Ensemble kunstvoller Baudenkmale aus allen Jahrhunderten aus
dem Gleichgewicht bringt.
Wer ist schuld? Darüber wird zurzeit vor dem Landgericht Halle prozessiert.
Dabei kommen immer mehr Details einer offenbar unsauberen Erteilung von Bau-
und Abrissgenehmigungen auf den Tisch. Angeklagt ist zwar der im vergangenen
November entlassene hallesche Beigeordnete für Planen und Bauen, Rainer
Tepasse. Er soll dem Investor Frankonia im Februar 2002 eine Offerte zum
illegalen Abriss eines denkmalgeschützten Gebäudes gemacht haben, das der
Verschandelung des Marktplatzes im Wege stand. Doch immer mehr Zweifel
kommen über die Handlungsweise weiterer Angestellter der Stadt sowie über
die Geschäftspraktiken der Frankonia auf.
Nicht messbar ist schon jetzt der Schaden für das Ansehen der Stadt. Eine
Bürgerinitiative, unterstützt von hervorragenden Wissenschaftlern wie Carl
Friedrich von Weizsäcker und Medizinnobelpreisträger Günter Blobel, hatte
vergeblich an Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD) appelliert, die
stadtzerstörerischen Baupläne zu stoppen und stattdessen das auf
Betreiben der SED und abgerissene gotische Alte Rathaus wiederaufzubauen.
Den Rathauspolitikern war ein anderer "Deal" wichtiger. Mindestens eine(n)
wird am Ende der (bald verschmerzte) Schuldspruch treffen. Doch an den
Folgen wird die Stadt noch Jahrzehnte tragen. gur.
Quelle: Die Welt, 09.03.2004, Seite 23
(Unterstreichungen: U. Schröder)
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