Heutiger Marktplatz in Halle besitzt einen eigenen Wert
Keine zwingende Notwendigkeit, Ausdehnung zu verengen - Neues Rathaus ist
ein Luxus
STÄDTEBAU /Diskussion (Teil 3)
Wie soll Halles Marktplatz in Zukunft aussehen? Während MZ-Redakteur Günter
Kowa für den Neubau eines Rathauses warb, plädierte Stadtrat Wolfgang
Heinrich dafür, auf das historische Vorbild zurückzugreifen. Heute meldet
sich Landeskonservator Dipl.-Ing. Gotthard Voß zu Wort. Nach seiner Ansicht
sollte der Markt in seiner jetzigen Ausdehnung bestehen bleiben. Unsere drei
Autoren sind auch Teilnehmer einer Diskussion zum Marktplatz, die morgen um
11 Uhr im Löwengebäude der Universität stattfindet.
Heutiger Marktplatz in Halle besitzt einen eigenen Wert
Keine zwingende Notwendigkeit, Ausdehnung zu verengen - Neues Rathaus ist
ein Luxus
Von GOTTHARD VOß
Halle/MZ. Die vielen baulichen Veränderungen am Marktplatz in Halle sind
Zeichen einer lebendigen geschichtlichen Entwicklung des Stadtzentrums. Zu
allen Zeiten wurde einzelne, bis dahin intakte Gebäude, darunter auch sehr
bedeutende, abgebrochen und durch Neubauten ersetzt. Die alten Häuser hatten
mit ihren individuellen Fassaden den Platz bestimmt, und dennoch kam niemand
auf die Idee, sie rekonstruieren. Die neuen Gebäude hatten immer die Form
der jeweiligen Zeit.
Sicher waren diese Zutaten zunächst ungeliebt, wie zum Beispiel die der
neuen Sachlichkeit verpflichteten Kaufhäuser der 20er Jahre unseres
Jahrhunderts. Doch nach und nach gehörten auch sie zum unverzichtbaren
Bestand des Ensembles. Durch den vielfachen Wandel der einzelnen Teile
innerhalb der Platzwände hat es dem Markt vielleicht zeitweilig an
stadträumlicher Geschlossenheit und auch an einer wirklichen Harmonie der
Bebauung gemangelt. Allein die fünf Türme blieben beständig und als
Stadtkrone das prägende Element. Über dieses Wahrzeichen identifizieren sich
die Hallenser bis heute mit ihrer Stadt und dem Marktplatz. Deshalb wurde
die Wiederherstellung des Helms des Roten Turms 1975 zu einer zwingenden
Notwendigkeit, so daß sich auch die Denkmalpflege bis zur Projektbearbeitung
aktiv beteiligte.
Der Zweite Weltkrieg hat das Zentrum von Halle nicht verschont. Mit der
Zerstörung des reich gegliederten spätgotischen Rathauses und des
Wagegebäudes wurde die Ostseite des Marktes geöffnet. Der Platz erweiterte
sich, ohne daß eine wirkliche Lücke entstand, denn seit dieser Zeit schließt
der 1930 errichtete Verwaltungsbau - der heutige Ratshof - die neue
Platzerweiterung nach Osten ab. Der bis dahin verdeckte Eckturm mit der
wiederaufgesetzten Pyramide als Dachabschluß wurde so zum besonderen
städtebaulichen Akzent an der Einmündung in die Leipziger Straße. Eine als
Lücke zu bezeichnende Situation gibt es dagegen bis heute neben dem Ratshof
in nordöstlicher Richtung infolge der hier fehlenden Bebauung.
Die durch die Zerstörung entstandene Platzform wurde seither mittels neuer
baulicher Maßnahmen gestalterisch nicht verändert, und so besitzt der
heutige Markt mit der östlichen Aufweitung einen eigenen Wert: Er stellt
bereits einen bedeutsamen Abschnitt seiner geschichtlichen Entwicklung dar.
Abgesehen von einer Schließung der beschriebenen Lücke gibt es daher keine
zwingende Notwendigkeit, den Markt in seinen Abmessungen wieder zu
verkleinern, zumal auch die Gebäudeproportionen dem erweiterten Platz
angemessen sind. Die schwer beschädigten Gebäude des Rathauses und der Wage
hätten 1945 wieder aufgebaut werden können. Es setzten sich aber die Gegner
durch. Sie wurden von dem damaligen Stadtbaurat Prof. Adolf Heilmann
angeführt.
Zwei Architektenwettbewerbe sollten zusätzlich Argumente für den Abriß
liefern. Im ersten 1947, in ganz Deutschland ausgeschriebenen Wettbewerb,
waren von 112 eingereichten Arbeiten 78 gegen die Erhaltung der Reste des
alten Rathauses und machten damit eine nicht allein auf Halle beschränkte
Architekturauffassung deutlich. Diese allgemeine Haltung der ersten Jahre
des Neubeginns nach 1945, und keineswegs politischer Druck, von dem zu
dieser Zeit nicht die Rede sein konnte, führte 1946 zum Beschluß der
Stadtverordnetenversammlung, die noch bestehenden, aber angeblich nicht mehr
zu rettenden Teile der zerstörten Gebäude abzureißen.
Lediglich der noch erhaltene stattliche Barockbau zwischen Rathaus und
Ratshof entlang der Leipziger Straße blieb stehen. Er wurde zum Gegenstand
einer öffentlichen und auch im Rathaus unter den Stadtverordneten heftig
geführten Diskussion. Wieder sollte ein Wettbewerb helfen und Lösungen
bieten. Alle 1949 von den sieben eingeladenen Architekten und zwei
unaufgefordert eingereichte Arbeiten schlugen eine "Kultivierung" der neuen
Platzsituation vor, ohne dabei den Barockbau zu berücksichtigen. Daher wurde
sein Abriß beschlossen, aber keiner der Entwürfe zur Verwirklichung
empfohlen. So blieb die teilweise unbefriedigende Situation, an der auch die
wenigen Baumpflanzungen nichts verbessern konnten.
Die heute bestehenden Möglichkeiten und der Wunsch, dem Markt als Zentrum
der Stadt Halle ein geschlossenes Bild zu geben, lassen es zu, verschiedene
Vorschläge gegeneinander abzuwägen und eine angemessene Lösung zu finden.
Der Denkmalpfleger hat in diesem Prozeß wesentliche, nicht nur ihm allein
wichtige Argumente beizutragen.
Seine Aufgabe besteht zunächst darin, auf die umfangreiche noch vorhandene
historische Substanz in Halle hinzuweisen, die den einmaligen Reichtum der
Stadt ausmacht. Die vielen erhaltenen Plätze, Straßenzüge und wertvollen
Gebäude erfordern für ihre Bewahrung unser aller Anstrengung. Den Luxus
eines neuen Rathauses sollten wir uns erst dann leisten, wenn es der Zustand
unserer Stadt und unseres Landes erlaubt. Der Denkmalpfleger musßweiter
darauf hinweisen, daß Ereignisse der Geschichte nicht ungeschehen gemacht,
daß gänzlich verlorene Denkmale nicht wieder zurückgeholt werden können.
Rekonstruierten Gebäuden fehlt immer ihre geschichtliche Aussage - das
zeigen viele Beispiele der letzten Jahre in Deutschland. Ihnen wird stets
ein kulissenhafter Charakter anhaften, den auch die Zeit nicht aufheben
kann.
Der großen Aufgabe einer Gestaltung des örtlichen Platzraumes können wir nur
mit selbstbewußten Lösungen als Antwort unserer Zeit begegnen. Dabei sind
die heute den Markt prägenden städtebaulichen Eigenheiten zu berücksichtigen
auf der Grundlage der historischen Entwicklung. Wieder sollten Lösungen von
einem Wettbewerb aufgezeigt werden, zu dem zehn Architektenbüros eingeladen
waren. Die Auslober erwarteten eine Antwort auf die Frage nach dem
Entweder-Oder von altem und neuem Rathaus.
Leider hat es als Wettbewerbsvorbereitung keine Diskussion zu diesem
grundsätzlichen Thema gegeben. So ist es nicht verwunderlich, dass in neun
Arbeiten die alte städtebauliche Situation, ohne eine wirklich neue Idee,
wiederholt wird. Das Spektrum der Entwürfe reichte von einem langen
durchgezogenen Riegel, dessen Unmaßstäblichkeit durch einzelne Vorbauten
wieder gemildert werden soll, bis zu aufgelösten Baukörpern, die den
Durchblick auf den Ratshof zulassen. Den Vorschlag einer Kopie des alten
Rathauses hat keiner der Wettbewerbsteilnehmer vorgelegt.
Nur eine Arbeit, die der denkmalpflegerischen Auffassung nahe kommt,
berücksichtigt und verbessert die gewachsene stadträumliche Situation. In
Höhe der alten Rathausfassade wird der Markt optisch verengt, indem er dort
durch Stufen und Baumpflanzungen so weit begrenzt ist, dass vor dem Ratshof
zusätzlich ein kleiner Platz entsteht. Die nördliche Lücke wird von einem
die Fassade der Rathausstraße verlängernden Verwaltungsneubau geschlossen.
Er entspricht mit seiner Ansicht zum Markt etwa der Größe des alten
Wagegebäudes. Diese städtebauliche Lösung verbessert die Raumverhältnisse
des Marktes, lässt ihn nicht mehr ins Maßlose ausufern und betont mit einem
kleinen Platz als zusätzlichem Erlebnisraum vor dem Ratshof die wichtige
Einmündung der Leipziger Straße. In diesem Entwurf wird eine Lösung
angeboten, die trotz der großen Herausforderung bei der Erhaltung der
Altbausubstanz umsetzbar und in einer Zeit, die wichtigere Schwerpunkte und
Akzente setzt, auch vertretbar ist.
Mit dem Wettbewerb bekennen sich die Architekten zu Gestaltungen mit neuen
Mitteln und nähern sich damit denkmalpflegerischen Auffassungen, denn mit
zurückschauender Rekonstruktion von gänzlich Verlorenem kann es keine
Fortentwicklung der Architektur geben, zu der der Marktplatz von Halle auch
heute wieder einen wesentlichen Beitrag leisten kann.
Mitteldeutsche Zeitung, 18.03.1994
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