Mit dem Rathaus ein Stück an Identität verloren
 Abriß war politisch motiviert - Wiederaufbau eine Ehrensache - Archivmaterial reicht aus

STÄDTEBAU /Diskussion (Teil 2)

Wie soll Halles Marktplatz in Zukunft aussehen? Wird es ein neues Rathaus geben? Wenn ja, greift man auf historische Vorbilder zurück? In der vergangenen Woche warb MZ-Redakteur Günter Kowa in einem Beitrag für einen Neubau des Rathauses. Damit bekomme die Stadt die Chance, ihr Dasein in "zeitgenössischen Formen" auszudrücken. Eine „Kopie des Renaissance-Rathauses“ lehnte Kowa ab, dadurch könne das historische Bild nicht mehr zurückkehren. Heute formulieren Baustadtrat Wolfgang Heinrich und Stadtarchivar Dr. Werner Piechocki die Gegenposition. Für sie ist es auch eine „Herzenssache, das alte Rathaus wieder herzustellen“.


Mit dem Rathaus ein Stück an Identität verloren
Abriß war politisch motiviert - Wiederaufbau eine Ehrensache - Archivmaterial reicht aus

Von WOLFGANG HEINRICH und Dr. WERNER PIECHOCKI

Halle/MZ. Die Geschichte des halleschen Rathauses ist ein getreuer Spiegel der Stadtwerdung, des Strebens nach bürgerlicher Freiheit sowie kommunalpolitischer Selbständigkeit und Eigenverantwortung über die Jahrhunderte. Unbestreitbar wirkt diese erlebbare Tradition bis zur Gegenwart nach, motivierte sie auch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die von einer Ideologie, die nicht dem Bürgerinteresse verpflichtet war, getragene Entscheidung zum Abriß des stolzen Baus.

"Denn alles was mit einem Baudenkrnal, wie einem Rathaus, geschieht, ist Sinnbild. Und das Abräumen der Trümmer des Rathauses soll Sinnbild sein für das Abräumen der Trümmer in unseren Vorstellungen überhaupt." So Professor Henselmann in seinem Gutachten, der sich in dieser Ideologielinie für den Abbruch des Rathauses aussprach.

Völlig legitimes Anliegen

Wie schmerzlich der Verlust des Bauwerkes ist, macht das sofortige Aufleben des Gedankens eines Wiederaufbaus an alter Stelle, auf alten Kellern und Grundmauern, in originaler Gestalt, unter den Einwohnern nach der Wende deutlich. Dies hat mit einer „im Hintergrund laufenden Kampagne starker Kräfte“, wie es ein Herr Kowa formuliert, nichts zu tun, wenn er aber von einer Lobby in ihrem besten Sinne, der Interessenvertretung der Bürger spricht, so wollen wir ihm zustimmen. Es handelt sich hier um ein legitimes Anliegen, nämlich den Wunsch großer Teile der Hallenser, gerade auf dem Markt ein historisch gewachsenes und vorsätzlich zerstörtes Stück Identität zurückzugewinnen. Die meisten Städte der alten Bundesländer mit bekannten Bauwerken, seien es Rathäuser, Bürgerbauten oder Kirchen, haben sich nicht gescheut, diese zum größten Teil bis zur Unkenntlichkeit zerstörten und verbrannten Zeugnisse ihrer Geschichte unter großen finanziellen Anstrengungen zu Ehren der alten Baumeister und der Kommune wiederherzurichten.

In diesem Zusammenhang darf gerade an die durch unseren halleschen Ratsbaumeister Nickel Hofmann erbauten Rathäuser in Hof, Schweinfurt und Aschaffenburg erinnert werden, die aus Schutt und Asche mehr oder minder als Kopie wiederentstanden sind. Unbeirrt aller Problemdiskussionen hat Hildesheim sein 1529 erbautes weltberühmtes Knochenhaueramtshaus wiederaufgebaut, das 1945 durch Bomben vernichtet worden war.

Wer scheut sich heute, Werkstücke, Zierteile, plastischen Schmuck, Portale und andere Teile historischer Bauten durch Kopien zu ersetzen, wenn es ihr Zustand nötig macht und um das Gesamtbild zu erhalten. Verantwortungsbewusste Arbeit von den Steinmetzen der Bauhütten kann hier ganz in der Tradition des mittelalterlichen gearbeitet und nachgestaltet werden.

Als nach jahrzehntelangem Drängen der Hallenser endlich der Rote Turm seinen wundervollen gotischen Helm wieder erhielt, mußte diese hochragende Spitze praktisch auf der Basis weniger Fotos aus dem Nichts erschaffen werden. Mit Begeisterung verfolgte Halle das Gelingen des Baues, die Wiederherstellung des Wahrzeichens der Stadt, das Ensemble der fünf Türme, und niemand störte sich daran, das statt "mehrhundertjähriger Eichenstämme" nur eine Leichtmetallkonstruktion die Haube tragen mußte.

Wenn der MZ-Redakteur Kowa auf bekannte Beispiele wiederentstandener Architektur hinweist und dafür nur Bezeichnungen wie "kitschige Kulisse für den Weihnachtsmarkt" oder "Theaterkulisse" findet und mögliche Ergebnisse in Halle schon im voraus als "schal, unecht und Abklatsch", sogar als "Bankrotterklärung" bezeichnet, so zeugt dies von einem gehörigen Maß an Arroganz. Makaber wird dies aber geradezu, wenn man an die denkmalpflegerischen Bemühungen unseres Nachbarlandes denkt, durch solche Bauten (z. B. Warschauer Schloß) die nationale Identität wiederherzustellen.
Neben den Kellermauerresten sind auch originale Plastiken des alten Rathauses überliefert. Sie sind in den schönen Gewölben der Moritzburg zu bewundern und sollten dort auch bleiben und am Bau durch Kopien ersetzt werden.

Empfindliche Lücke geschlagen

Halles Marktplatz hat zu allen Zeiten begeisterte Schilderungen erfahren. Marktkirche, Roter Turm, das Gerichtshaus "Börse", das Rathaus, das Bürgerhaus "Waage" sowie repräsentative Bürgerhäuser, wie das Marktschlößchen oder jene auf der Nordseite mit dem Kühlen Brunnen, bildeten eine sinnvolle Einheit, waren aufeinander bezogen und hielten das Gefüge des weiträumigen Platzes zusammen, obwohl hier 15 Straßen einmündeten.

Dies blieb auch erhalten, obwohl schon im 19. und im ersten Drittel unseres Jahrhunderts schwere Eingriffe zugunsten "zeitgenössischer" Zweckbauten vorgenommen wurden. Die empfindlichsten Lücken schlug jedoch der Bombenangriff vom 31. März 1945, denn neben der Marktkirche, dem Roten Turm und der Waage wurde auch das Rathaus schwer getroffen.

Die Kriegssammlung des Stadtarchivs belegt in erschüttender Weise die Folgen dieses Angriffes. Die Waage war wohl wirklich nur noch ein Trümmerhaufen, aus dem freilich gerade das Hauptportal gerettet werden konnte. Für das Rathaus traf dies jedoch nicht in dem Maße zu. Ob man denjenigen folgen will, die von einer Zerstörung von einem Drittel sprechen, oder den Argumenten des ehrgeizigen Stadtbaurats Heilmann, der natürlich von totaler Zerstörung sprach, um durch den Abriß Baufreiheit zu gewinnen, sei dem Leser überlassen. Ein von ihm in Auftrag gegebenes Baugutachten des Statikers Dr. Göner spricht zwar von schweren Schäden, sieht aber durchaus die Erhaltung und den Wiederaufbau als durchaus möglich an.

Heilmann sprach öffentlich erstmals am 20. Januar 1946 vom notwendigen Abriß des Rathauses und löste damit große Beunruhigung unter den Einwohnern Halles aus. In einer Sitzung des Beirates für "Wissenschaft, Kunst und Volksbildung", ein Gremium, das zwischen Magistrat und der Öffentlichkeit vermitteln sollte, wurde deshalb Information und Aufklärung gefordert. Keinesfalls sollte in dieser Sitzung vom 26. April 1946 eine Entscheidung fallen. In welchen Denkstrukturen sich Heilmann damals schon befand, belegt seine Interpretation der angestrebten Entscheidungsfindung. "Denn zu entscheiden hat der Magistrat, eventuell auch die Stadtverordnetenversammlung". Das an eine Einbeziehung der Bevölkerung in die Lösung des Problems von Seiten des Rates der Stadt nicht gedacht war, belegt eine Festlegung aus dem Jahre 1947.

Halles Bürger nicht beteiligt

In der Sitzung des Rates vom 23. Dezember 1947 wurde die Frage des Rathausneubauwettbewerbes diskutiert. Der Beschluß geht ausdrücklich davon aus, daß "bei der öffentlichen Besichtigung ... die beabsichtigte Stellungnahme der Bevölkerung zu den einzelnen Entwürfen nicht erkundet werden soll. Es sollen also keine Stimmzettel abgegeben werden." (Die Stationen der Entscheidungsfindung, die nicht nur zur Abtragung des Rathauses, sondern auch zum Abriß des unumstritten intakten Barockflügels zur Leipziger Straße hin führten, sind im untenstehenden Kasten nachzulesen). Dem aufmerksamen Leser wird beim Verfolgen der Protokolle und Sitzungsberichte die Atmosphäre spürbar, in der die Entscheidungen zu finden waren. Es wurde von der SED ein politischer Druck in der Art erzeugt, daß die Stellung des Einzelnen zu dieser Frage auf die Haltung "dem Neuen" gegenüber projiziert wurde, das heißt, wer für den Wiederaufbau historischer Bauten war, stellte sich gegen das neue Bauen.

So wurde der Abriß des Rathauses als politische Demonstration gegen die knappe bürgerliche Mehrheit der Stadtverordnetenversammlung und die öffentliche Meinung in Halle durchgesetzt. Die rigorose, Schritt für Schritt durchgesetzte Beseitigung demokratischer Verhältnisse und der kommunalen Selbstverwaltung spiegelt sich in diesem Vorgang in geradezu dramatischer Weise.

Diese Haltung setzte sich fort im Abriß der "Börse" in der Südwestecke des Marktes, angeblich wegen Baufälligkeit, obwohl dann, mit Preßlufthämmern gegen die unverwüstlichen Mauern dieses ältesten halleschen Stadtgerichtsgebäudes vorgegangen werden mußte. Und schließlich sollte niemand vergessen, dass sogar in der gleichen Zeit vom damaligen Stadtbaudirektor Kunz der Abriß des "überflüssigen" Roten Turmes gefordert wurde. So ging dies zielgerichtet weiter, es war ein verzweifelter Kampf aller Denkmalpfleger gegen die Zerstörung und Verwahrlosung der historischen Altstadt, um auch hier mit modernen Plattenbau eindringen zu können. Für alle Freunde des alten Halle, seiner Bauten, die eine ganz eigene Identität verkörpern, stellt es eine Herzenssache, eine Ehrenpflicht dar, das Rathaus wiedererstehen zu lassen. Es sollte nicht nur Verwaltungssitz, sondern eine Repräsentation der Bürgerschaft werden. Hier saß bis 1945 das Stadtoberhaupt, der seine Gäste aus aller Welt im festlich erleuchteten Bürgersaal empfing, wo Konzerte und Lesungen stattfanden und in der Rathauskapelle Trauungen im festlichem Rahmen vollzogen wurden.

Dies alles wieder entstehen zu lassen, dafür reicht das im Stadtarchiv vorhandene Akten- und Bildmaterial durchaus aus, auch wenn Herr Kowa aus vordergründiger Absicht die Sammlungen des Stadtarchivs eher gering schätzte. Ob die Stadt in den nächsten Jahren die Neugestaltung der Ostseite des Marktplatzes verwirklichen kann, ist sicher ungewiß. Viel Geld kosten sowohl Neubauten als auch der Wiederaufbau des alten Rathauses. Wir sind überzeugt, daß zur Realisierung dieses Planes auch Spenden und Mittel aus der Bevölkerung kommen werden, daß vielleicht eine „Rathauslotterie“ Gelder einbringen kann.


Knappe Mehrheit für Abriß
Wechselhafte politische Entscheidungen und Beschlüsse

Halle/MZ. Das Schicksal des historischen Rathauses von Halle entschied sich nicht auf einmal, sondern in folgenden Etappen:

Am 26. April 1946 fand eine Sitzung des Baurates für "Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" und "Archiv und Büchereien" statt. Am 30. Mai 1946 plädiert Professor Henselmann von der Kunstschule Weimar in einem Gutachten für eine Beseitigung des Rathauses in Halle. Dagegen spricht sich am 24. Juni 1947 der Rat der Stadt dafür aus, das teilweise zerstörte Rathaus möglichst zu erhalten. Ende des Jahres 1947 folgten mehrere Sitzungen des Rates der Stadt zum Wettbewerb über einen Rathausneubau. Am 9. Februar 1948, auf der 18. Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, wird dann der Abriß mit knapper Mehrheit beschlossen. Ende 1948 sind die Abrißarbeiten fast beendet. Wenig später, am 18. Januar 1949, beschließt der damalige Rat der Stadt, daß der Barockflügel "noch mehrere Jahre stehen bleiben soll". Am 8. November des gleichen Jahres wird dann allerdings doch beschlossen, den Abbruch vorzuschlagen. Diesen Vorschlag lehnt die Stadtverordnetenversammlung am 17. Dezember 1949 jedoch mit bürgerlicher Mehrheit ab. 1950 wird der Abbruch des Barockflügels in den Stadtentwicklungsplan Halles aufgenommen.

Mitteldeutsche Zeitung, 11.03.1994, Seite 16
 

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