Streit um Rathaus-Neubau
Stadt könnte den Neubau finanzieren

Nicht überrascht haben ihn die Meinungen der Hallenser zum Architekturwettbewerb Marktplatzgestaltung. Das erklärte Halles OB Rauen gestern vor Medienvertretern, nachdem die Stadtverwaltung eine erste Sichtung der 268 abgegebenen schriftlichen Meinungsäußerungen vorgenommen hat. 2300 Besucher hatte die Schau mit den Modellen und Entwürfen zehn internationaler Absender, die in diesen Tagen (Tageblatt berichtete) zuende ging.
Unterm Strich, so das Stadtoberhaupt, zeichneten sich zwei große Gruppen ab: Je ca. 75 Stimmen wurden gegen eine Veränderung der jetzigen Marktplatzdimensionen bzw. für die historische Grundidee abgegeben. Rauen, der zwar seinerzeit als erster offiziell mit der Idee vom Wiederaufbau des historischen halleschen Rathauses aufgetreten war, bisher aber mit seiner persönlichen Meinung hinterm Berg gehalten hatte, bekundete gestern zumindest Sympathie für Wolfgang Heinrichs Ansicht: Der Stadtrat für Planen und Bauen wiederum wünscht sich, dass nicht nur das nach dem Krieg abgerissene Renaissance-Rathaus, sondern auch das eng mit der halleschen Universitätsgeschichte verbundene Waage-Gebäude wieder aufgebaut werden. So könnte Halle einen der schönsten deutschen Marktplätze überhaupt bekommen, so der Stadtrat.
Dass so viele Hallenser den Markt lieber in seiner jetzigen Ausdehnung belassen möchten, dafür zeigte Bauen zumindest Verständnis. Aber man sollte doch den Aspekt der historischen Identität nicht vernachlässigen. Stadtreparatur stehe nicht nur weiterhin ganz oben auf Rauens Wunschliste, sondern sei auch ein notwendiger Prozess, wolle man die Bürger zur Mitwirkung an der Stadtgestaltung animieren. Zudem sei die städtebauliche Form des Marktes mit dem Rathaus-Abriss „in die Hose gegangen“.
Nicht allzu viel Tragweite maß Rauen dem Widerstand hiesiger Architekten und vor allem der Denkmalschützer bei: „Ob etwas Altes wieder aufgebaut werden soll oder nicht, darüber wird schon seit Beginn der Existenz des Denkmalschutzes zur Jahrhundertwende gestritten. Das ist ein Grundsatzstreit.“
Im übrigen komme man am Bau eines neuen Rathauses ohnehin nicht vorbei, denn die uneffektive und teure dezentrale Stadtverwaltung muss konzentriert werden. Ein technisches Rathaus Schimmelstraße allein genügt nicht.
Und über die Finanzen solle man sich außerhalb der Stadtverwaltung mal keinen Kopf machen: „Die Stadt könnte den Rathaus-Neubau ohne Mehrbelastungen für die Bürger finanzieren“, so Rauen.
Ingolf Rosendahl

Hallesches Tageblatt, 14.01.1994
 

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