Potemkinsche Rathäuser und andere lrrläufer

Von GÜNTER KOWA

Es war wohl unausweichlich. Die Berliner wollen ihr Schloß wieder haben, die Dresdner ihre Frauenkirche, die Koblenzer gar ihren Kaiser Wilhelm. Spendergeld soll in Magdeburg die Johanniskirche aus Ruinen auferstehen lassen. Die Dessauer können täglich beobachten, wie ein Stück der Marienkirche und des Schlosses zurückkehrt aus den Trümmern. Wiederaufbau-Kuratorien wohin man schaut: In Leipzig für die Universitätskirche, in Potsdam für die Garnisonskirche, in Weißenfels gar für das Ladegast-Geburtshaus. Und nun der Ruf in Halle: Baut unser schönes Rathaus wieder auf.

Ein Gefühlsgemisch aus Erinnerung und Legende führt auffallend oft zu Entscheidungen auf rein lokaler Ebene. So wird in Halle das Rathaus stilisiert zum Symbol der Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt. Daran knüpft die fixe Idee, der Marktplatz, den die Wunden des Krieges und der SED-Stadtplanung um Proportionen und Geschlossenheit gebracht haben, könnte in historischer Gestalt wiedererstehen. An zwei Seiten klaffen Lücken; an einer dritten wartet ein Kaufhaus der 20er Jahre auf Abbruch. Die aufgerissene Fläche an der Stelle des gegiebelten Bauwerks Nickel Hoffmanns aus dem Jahr 1558, nach glimpflichen Kriegsschäden 1948 ohne Not abgerissen, braucht wieder Masse und Silhouette, damit der Platz überschaubar wird, die einmündende Straße einen Ziel- und Angelpunkt erhält.

Ein Nachdenken über städtebauliche Konzeptionen wird von der Wiederaufbau-Euphorie blockiert und ist längst durch Tatsachen überholt. Der Kaufhof-Konzern wird bald seine von der Stadt abgesegneten Pläne für einen Kaufhaus-Neubau enthüllen. Ein Wettbewerb fand nicht statt, auch dann nicht, als sich eine enttäuschende Lösung abzeichnete, die, wie es aussieht, den Hallensein hingelegt werden wird, nach dem Motto "Friß Vogel oder stirb". Zum Wettbewerb kam es immerhin beim Neubau für die Commerzbank, und auch für das Rathaus ist ein Architekten-Wettbewerb angesagt. Doch nicht umsonst wird die Diskussion von vorneherein in eine andere Richtung gelenkt.

Eine Marktplatz-Konzeption in Halle kann kaum anders als eingestehen, daß Halles Marktplatz einige historische Bauten besitzt, aber als Ganzes nicht mehr historisch ist. Die Auseinandersetzung mit dem Neuen verlangt Urteilskraft. Daß Halle sich profilieren könnte als Stadt aufsehenerregender Architektur, ist bislang kaum festzustellen. Der Ruf nach einer Kopie untergegangener Renaissancekunst führt geradewegs nach Disneyland. Aus der Geschichte wird herausgesucht, was die Sehnsucht nach Harmonie befriedigt, den Konflikt mit erlebter Vergangenheit umgeht.

Ein wiedererstandenes hallesches Rathaus ist wie ein Frankfurter Römerberg, wie ein Berliner Schloß, ja auch wie eine Dresdner Frauenkirche nichts anderes als ein potemkinsches Dorf, geschichtslose Geschichte. Sie ist zu einer Zeit, in der Bauten von Bedeutung immer schneller verfallen, in einer Situation, in der die Denkmalpflege wegen angeblich zu strenger Auflagen beschimpft wird, sogar ein Hohn auf die Geschichte. Die Diskussion um ein neues altes Rathaus ist fehl am Platz. Sie vergeudet wertvolle Energien und, wie zu befürchten ist, teures Steuergeld dazu.

(Die Pläne für das Rathaus sind auch in der Redaktion der MZ umstritten. Wir werden die Diskussion fortsetzen.)

Mitteldeutsche Zeitung, 20.03.1993, Seite 2
 

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