„Entscheidung dauert länger als der Bau“
Stadtarchivar Piechocki: Hunderte Rathaus-Fotos vorhanden - Geld-Diskussion nicht fruchtbar

RATHAUS / Interview

Von unserem Redakteur
FRANK CZERWONN

Halle/MZ. Der Vorschlag von OB Rauen, das historische Rathaus auf dem Markt wieder aufzubauen, löst eine Diskussionswelle aus. Die einen sind begeistert, erinnern sich lebhaft an den schmucken Bau und seinen Abriß 1948, andere fragen nach den Kosten, bringen Stadtsanierung und Wohnungsbau als drängende Probleme ins Spiel. Zu diesen Punkten befragte die MZ Halles Stadtarchivar Dr. Werner Piechocki.

MZ: Waren Sie vom Rauen-Vorschlag überrascht?
Piechocki: Nein. Bei vielen älteren Hallensern ist der Wunsch, das historische Rathaus wieder aufzubauen, wachgeblieben. Genauso lebendig, wie wir gegen den Abriß des Roten Turms protestiert haben.
MZ: Und jetzt werden Sie für das Rathaus streiten?
Piechocki: Wenn ich nicht dafür wäre, hätte ich meinen Beruf verfehlt. Es ist ja unumstritten, daß wir einen schönen Marktplatz haben, der trotz vieler Umbauten in seinem Grundriß erhalten geblieben ist. Dazu gehört das Ensemble der fünf Türme und das alte Rathaus gegenüber. Solange dieses fehlt, ist der Gesamteindruck des Platzes zerstört.
MZ: Aber gibt es derzeit nicht wichtigere Dinge, in die die Stadt ihr Geld stecken sollte?
Piechocki: Diese Diskussion um das Geld, das zum Beispiel in den Wohnungsbau fließen sollte, kann ich nicht mehr hören. Das ist eine Milchmädchenrechnung. Die Rathausmittel würden nie für Wohnungen eingesetzt. Bei den Plänen für das Kulturzentrum auf der Spitze war das genauso. Und das Ergebnis? Wir haben kein Kulturhaus - und trotzdem keine Wohnungen. Übrigens führten die gleichen Argumente nach dem Krieg zum Abriß des Rathauses.
MZ: Gab es eine Chance, das durch den Bombenangriff vom 31. März 1945 zerstörte Gebäude zu retten?
Piechocki: Die gab es. Die Rückseite des Rathauses sah wirklich schlimm aus, Aber die Fassade und der Nordgiebel waren kaum beschädigt. Und so entbrannte bald der Streit: Aufbau oder Abriß? Am 26. April 1946 fand die entscheidende Sitzung der Beiräte für Wirtschaft, Kunst und Volksbildung und für Archiv und Büchereien statt: Stadtbaurat Professor Heilmann machte seinem Namen keine Ehre. Er wollte nicht heilen, sondern mit aller Macht den Abbruch des Gebäudes, um Neubauten hinzupflanzen.
MZ: Gab es keinen Protest?
Piechocki: Doch. Der Provinzial-Konservator Schubert hat leidenschaftlich für den Erhalt gekämpft. Doch er hatte nur wenige Mitstreiter, darunter den Fabrikbesitzer Weise. Der sagte: "Wir Hallenser haben unser Rathaus, auch wenn es aus verschiedenen Stilen zusammengesetzt war, geliebt. Auch das ist ein Grund, es wieder aufzubauen." Es half nicht. 1948 stand vom Rathaus nichts mehr.
MZ: Außer dem Barockflügel zur Leipziger Straße.
Piechocki: Der kam 1950 unter die Spitzhacke - obwohl ein halbes Jahr zuvor die CDU-LDP-Mehrheit gegen die SED-Abgeordneten den Abriß abgelehnt hatten. Beweis dafür, daß es zum Politikum geworden war.
MZ: Reichen denn heute die vorhandenen Pläne für einen Wiederaufbau aus?
Piechocki: Aber sicher. Wir haben alle Bauakten und Hunderte von Fotos: Gesamtansichten, Rückfront, Fassade, Dachzone, Bürgersaal. Selbst kleinste Details wie Klingelzüge und gußeiserne Lampen wurden festgehalten. Bis hin zum letzten Ofen. Vom Roten Turm dagegen war fast nichts da - und trotzdem wurde der adäquat ergänzt.
MZ. Existieren eigentlich die Grundmauern noch? ,
Piechocki: Ein Teil der Mauern liegt noch unter den Steinplatten. Wahrscheinlich wurden sogar die Kellergewölbe nur zugeschüttet.
MZ: Was passierte mit dem Baumaterial und dem Inventar?
Piechocki: Wo das Material vom Abriß verwendet wurde, weiß wohl kein Mensch. Auch vom Inventar ist nichts übrig. Nur die Skulpturen der Heiligen Helena und des Heiligen Moritz sowie die Holzplastik des Bärtigen Wappenträgers aus der Kreuzkapelle haben in der Moritzburg ein neues Zuhause gefunden.
MZ: Wie lang wäre die Bauzeit. und wer soll dort einziehen?
Piechocki: Also die Entscheidungsphase wird wohl länger dauern als der Bau. Das Gebäude könnte ein festlicher Repräsentationsrahmen für den OB sein. Den braucht Halle. Platz für Konzerte und Empfänge wäre auch genügend. Ein lebendiger Mittelpunkt der Stadt also.

Mitteldeutsche Zeitung, 19.03.1993, Seite 10

 

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