Drei Bürgeraktionen mit ähnlichen Denkmalzielen
Gäste aus Wesel und Halle gratulierten zum Erfolg im
Halberstädter Zentrum. Vertreter von zwei Bürgerinitiativen
mit ähnlichen Zielen waren am Freitag zu Gast bei der Halberstädter
Bürgeraktion Holzmarkt und Fischmarkt. Auch die Stadt Wesel war stark
kriegszerstört und jetzt kämpfen engagierte Bürger um das historische
Rathaus. In Halle/Saale sind die Widerstände im Stadtrat besonders groß, das
historische Rathaus wieder aufzubauen.
Von Dieter Kunze
Halberstadt. Da konnten die Halberstädter schon ganz konkrete Ergebnisse
vorlegen. Obwohl der Bauablauf vier Wochen im Verzug ist und die Gäste so
noch vor einem Baugerüst standen, konnten sie wertvolle Hinweise für ihre
Arbeit mit nach Hause nehmen. Vor Ort erläuterte Vereinsvorsitzender Günther
Stelle, wie die Bürgeraktion den Wiederaufbau des Holzmarktbrunnens, des
Rolands, der zwei "Wilden Männer" und schließlich des Rathauses in
historischen Maßen vorangebracht hatte. Anfangs habe es auch
hier sehr viele Skeptiker gegeben, ob solch eine Spendensumme zusammenkommt.
Ein offener Brief an die Stadträte habe dazu beigetragen, für das Rathaus
eine Sandsteinfassade und eine Schiefereindeckung einzuplanen, ebenso das
Fundament für die Ratslaube vorzusehen.
Schon 1942 hatten engagierte Bürger dafür gesorgt, dass der Hälberstädter
Roland zum Schutz vor Kriegseinwirkungen eingemauert wurde. Auch die Steine
der Ratslaube waren fotografiert worden. 1993 gründete sich die
Bürgeraktion, die heute 330 Mitglieder hat. Eine breite Unterschriftenaktion
trug dazu bei, das jetzige Konzept bei der Auftragsvergabe an das
Unternehmen Wertkonzept zu berücksichtigen.
1998 wurde das Stadtzentrum fertig und die Sammlung für die Ratslaube musste
aktiviert werden. Schließlich sollten 50 Prozent der Baukosten durch Spenden
aufgebracht werden. Beim dritten und vierten Bauabschnitt haben diese Gelder
dazu beigetragen, die nötigen Eigenmittel der Stadt für die Beantragung von
Fördermitteln bereitzustellen. "Insgesamt sind jetzt 397 940
Euro durch die verschiedenen Aktivitäten zusammengekommen", berichtete
Günther Stelle. "Eine große Summe, pro Einwohner sind dies aber nur jeweils
rund 9,50 Euro". Die Aufgabe scheint geschafft. Der symbolische Verkauf von
428 nummerierten Steinen lief gut an. Spendenurkunden,
Benefizveranstaltungen, Auftritte der Halberstädter Oldies und die
Sammeltruhe in den Rathauspassagen trugen dazu bei.
Am 17. und 18. November sollen die Baugerüste fallen und die Ratslaube wird
erstmals im fast fertigen Außenzustand zu sehen sein ein Augenblick, auf den
nicht nur die Vereinsmitglieder mit Spannung warten. Dann folgen im Frühjahr
die restlichen Innenarbeiten, bevor die Ratslaube im Rahmen der Festwoche am
26. Juni 2004 endgültig übergeben werden kann. Wenn noch Geld
übrig bleibt, so die nächsten Gedanken, könnte man doch das historische
Glockenspiel aus Meißner Porzellan, das 1939 am Rathaus angebracht und im
Krieg zerstört wurde, wieder aufbauen.
Die Gäste aus Halle und Wesel wollten es auf der Baustelle sehr genau
wissen, kletterten auf das Baugerüst bis an die Spitze der Ratslaube und
zeigten sich von der Verbindung zwischen den historischen und den neuen
Steinen begeistert. Für die Besuchergruppe aus Wesel in Nordrheinwestfalen
bedankte sich der 1. Vorsitzende der Bürgerinitiative Historisches Rathaus
Wesel für die Einladung und die Führung. Dr. Siegfried
Landers berichtete von der Zerstörung der gesamten Stadt Anfang 1945. "Wesel
war mit 98 Prozent die zerstörteste Stadt Europas", berichtete er. Später
wurde "blitzschnell" wieder aufgebaut, dabei sei aber "rücksichtslos mit der
Vergangenheit" umgegangen worden.
Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche war den Bürgern von Wesel ein
Vorbild, so dass 1993 eine entsprechende Initiative gegründet wurde.
Das dortige Rathaus war einzigartig am Niederrhein mit einer Fassade im
flämischen Stil, den es heute nur noch in Aachen, Brügge, Brüssel, Gent und
Leuven gibt. Hier musste lange gekämpft werden, um einen Stadtratsbeschluss
durchzubringen, der perspektivisch den Umbau eines vorhandenen Gebäudes an
historischem Platz zum Rathaus vorsieht. Vor allem die aufwändige Fassade
soll dort ein Schmuckstück werden.
Die Baukosten werden auf drei Millionen Euro geschätzt und sollen zu 65
Prozent aus Spendenmitteln aufgebracht werden. In vier Jahren müssten pro
Einwohner 48 Euro zusammen kommen. 465 000 Euro sind bereits seit
Jahresanfang gesammelt. Ziel ist es dort, erst 2007 den Grundstein zu legen,
wenn alle nötigen Mittel aufgebracht sind. Eine spektakuläre Aktion gab es
in Wesel bereits. Das Gebäude , das umgebaut werden soll, wurde mit einer
Plane verhüllt, auf der die historische Fassade in Originalgrösse zu sehen
war. In Halle/Saale kämpfen Bürger um den Wiederaufbau der
Markt-Ostseite nach historischem Vorbild. Die Oberbürgermeisterin hat sich
aber dagegen ausgesprochen, berichtete Vereinsvorsitzender Dr. Ulrich
Schröder. Dort ist man also noch ganz am Anfang und war für die vielen
praktischen Tipps aus Halberstadt dankbar. Tageblatt in der
Halberstädter Volksstimme, 10.11.2003 |
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