Potemkinsches Rathaus:
drei Fliegen mit einer Klappe
Halle (EB/B. Lähne). Große Teile des
barocken Portals des ehemaligen halleschen Rathauses sind nicht, wie
angenommen, in den Nachkriegswirren vernichtet worden, sondern existieren
noch. Das Tageblatt besichtigte gestern exklusiv diesen sensationellen Fund
und machte weitere bemerkenswerte Entdeckungen.
Auf dem westlichen Grabengelände der Moritzburg lagern nicht nur Reste jenes
Barockportals, das 1952 als letztes Stück des Alten Rathauses abgerissen
wurde, sondern auch das guterhaltene Renaissanceportal des Hauses Rannische
Straße 9 sowie mehrere Portalfragmente. Nach Meinung von Andreas Huth,
Gebietskonservator beim Landesamt für Denkmalpflege, hat die (Wieder)entdeckung
sensationellen Charakter.
"Bereits in den 80er Jahren machten wir das damalige Institut für
Denkmalpflege auf die Gegenstände im Burggraben aufmerksam", erklärt dazu
Dr. Peter Romanus, Direktor der Galerie Moritzburg, "doch damals fehlte die
Kraft zur Aufarbeitung."
Die nicht inventarisierten Sandsteinstücke lagerten jahrzehntelang
aufgestapelt im hohem Gras, bis sich im Auftrag des Landesamtes René Rausch,
ein Student der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, um die viele
Bruchstücke kümmerte. Der junge Mann versuchte sich an dem großen Puzzle und
kam zu erstaunlichen Ergebnissen. Neben den bereits genannten Portalen
konnte er auch weitere Toreingänge ausfindig machen und den entsprechenden
Häusern zuordnen. Vom nicht mehr existierenden Weberschen Haus Schmeerstraße
32 konnten fast das gesamte Sitznischenportal und ein Wappenstein geortet
werden. Das Jahr 1520 gilt als Entstehungsdatum.
Fast vollständig vorhanden ist der Torbogen zum ehemaligen Neuen Theater in
der Großen Ulrichstraße 3/4. Ende des 16. Jahrhunderts wurde er geschaffen
und wahrscheinlich beim Umbau des Hauses vor etwa 90 Jahren abgerissen.
Ungeklärt ist, unter welchen Umständen die Eingangsteile auf das Gelände der
Moritzburg kamen.
Hallesches Tageblatt, 12.05.1995 |
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