Potemkinsches Rathaus: drei Fliegen mit einer Klappe

Von Ingolf Rosendahl

In eine offenbar heiße Phase tritt jetzt die Diskussion um die künftige Gestaltung des halleschen Marktplatzes. Zwar ist die Ausstellung der Architekturvorschläge und Modelle im Roten Turm nur noch heute zu besichtigen. Aber gerade der Besuch dieser Schau und das schöpferische Reiben an den Inhalten und Formen der auf Bitte der halleschen Stadtverwaltung international gefertigten Vorschläge hat die Debatte über Sinn, Unsinn und Ausmaß potentieller Veränderungen angefacht. Und wenn die Hallenser einmal um ihre Meinung gebeten werden, dann haben sie auch was zu sagen ...

Zu spüren bekam das gestern Harald-Peter Rung, Amtsleiter des Stadtplanungsamtes. Er stellte sich kompetent Bürgerfragen und nahm so der Ausstellung ganz nebenbei den Anstrich praktizierter „Scheindemokratie“. Debattiert wurde gestern weniger über einzelne der zehn Entwürfe, sondern mehr über Grundsätzliches: „Haben wir nicht andere Sorgen?“, meine erbost ein älterer Hallenser. „Wie sehen unsere Straßen aus? Und wo sind die neuen Schwimmhallen? Schon diese Entwürfe sind rausgeschmissenes Geld“. Rung konnte dieser Äußerung die Spitze nehmen: „Im Vergleich zu den Baukosten fallen die ca. 150.000 Mark Kosten für den Architekturwettbewerb inklusive Preisgelder kaum ins Gewicht.“ Im übrigen ist ja noch gar nicht klar, wie denn ein Rathausbau finanziert worden soll.
Rung - persönlich Verfechter einer modernen Lösung - begründete auf Anfrage die Notwendigkeit eines Rathausneubaus architektonisch: „Die Raumkante im Osten ist weggefallen, darum wird der Rote Turm als klassischer Glockenturm nicht mehr genügend herausgehoben.“
Ein etwas anderes Bild zeigt das Buch (hoffentlich bald OB-Bettlektüre), in dem bis gestern ca. 130 Hallenser ihre Meinung niederschrieben: Der Markt solle bleiben, wie er ist, so der Grundtenor. Wenn schon Veränderungen, dann muss es das alte, nachdem Krieg abgerissene Rathaus sein.
Dabei könnte man mit einer bisher noch diskutierten Variante gleich drei Fliegen mit einer Klappe erlegen: Baute man in geringem Abstand vor dem Ratshof die Fassade des Renaissance-Rathauses wieder auf, würde der Marktplatz nur wenig verkleinert, erhielte aber ein gutes Stück seines alten Antlitzes zurück. Und außerdem wäre diese Klagemauer ein eindrucksvolles Mahnmal dafür, was hallescher Bausubstanz durch 40 Jahre Lotterwirtschaft alles angetan wurde. Platz genug für den Ausbau der Stadtverwaltung bliebe zudem am alten Waage-Standort ... Oder?


Noch Keller unter Halles Markt?
TB-Gespräch mit H.-P. Rung, Chef des Stadtplanungsamtes


Tageblatt: Was passiert mit den Meinungsäußerungen der Hallenser im ausgelegten Buch und in der Zettelurne?
Harald-Peter Rung: Zwar liegt uns kein konkreter Auftrag zu einer Beschlussfassung für die Stadtverordnetenversammlung vor. Aber wir werden die Meinungen im Stadtplanungsamt sorgfältig prüfen, filtern und dann mit dem ihnen zustehenden Gewicht in die Abschlussdebatte werfen.

Ein neues / altes Rathaus. Wer soll das bezahlen?
Denkbar sind verschiedene Finanzierungsmodelle. Ich nenne mal zwei: Zum einen die Ausschreibung durch einen freien Träger, der privatwirtschaftlich arbeitet und so unbedingt billiger ist als das Ergebnis einer städtischen Ausschreibung. Zum anderen wäre auch „Leasing“ möglich, so wie es beim Bau einiger technischer Rathäuser in Westdeutschland schon praktiziert wurde. Dabei würde z. B. eine Banken-Grupppe den Bau vorfinanzieren, und in Erfüllung eines langfristigen Mietvertrages mit Amortisation ginge der Rathausbesitz erst nach etwa 15 Jahren an die Stadt über.

Ist eine Rathauserweiterung nötig?
Das wird erst nach der Wahl und der Reduzierung der Zahl der Stadtverordneten auf ca. 60 und der Wiederaufnahme der Tagungen im Stadthaus endgültig entschieden. Klar ist dagegen schon, dass es im Bereich Schimmelstraße / Stadtwirtschaft ein technisches Rathaus geben wird. Die Streuung etwa von Hochbauamt, Tiefbauamt und zuständigem Dezernenten über ganz Halle ist uneffektiv.

Sie sprachen von Resten des abgerissenen Renaissance-Rathauses ...
Ja, Halles Denkmalschützer vermuten, dass es unter dem Marktplatz noch weitläufige erhaltene Kellerräume gibt.

Halten Sie den Architekturwettbewerb aus kommunaler Sicht für einen Erfolg?
Auf jeden Fall. Wir haben wichtige Hinweise bekommen.

Es fragte: Ingolf Rosendahl

Hallesches Tageblatt, 12.01.194

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