Rauen will das alte Rathaus aus der Versenkung holen
MZ fragte: Was sagen prominente Hallenser zum Vorschlag eines alten Rathauses?
Kommentar: Ideen als Luftschloß?
Endgültige Gestalt durch Nickel Hofmann
STÄDTEBAU / Vorhaben
Rauen will das alte Rathaus aus der Versenkung holen
Halles Oberbürgermeister: Müssen die städtebauliche Lücke an dieser Stelle
unbedingt füllen - Viele Bürger völlig überrascht
Von unserem Redakteur
WOLFRAM BAHN
Halle/MZ. Wenn heute der 1. April wäre, hätten die meisten Hallenser wohl
nur gelächelt über die Nachricht, dass Oberbürgermeister Klaus Rauen das
alte Rathaus wieder errichten will (siehe Seite 1). Keiner konnte wohl
bislang ernsthaft daran glauben, dass eines Tages wirklich erwogen wird,
solch ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Bis gestern. Da verschlug es den
meisten Leuten regelrecht die Sprache, als sie von Rauens Ansinnen erfuhren.
Der Rheinländer allerdings sieht das Ganze eher folgerichtig. Bald werde
Hertie mit der Sanierung des Kaufhauses anfangen, auch für den Lückenbau an
der Commerzbank (früher Alte Börse) seien nun die Weichen gestellt. Auch
Kaufhof werde demnächst mit dem Neubau des Ex-Kinderkaufhauses beginnen.
„Während die eine Seite des Marktplatzes also wieder in alten Dimensionen
entsteht, bleiben die Konturen vor dem Magistrat lückenhaft, stimmen hier
die architektonischen Proportionen nicht“, begründet der OB seine
überraschende Entscheidung, das fast vergessene Rathaus aus der Versenkung
zu holen.
Erstaunlicherweise zeigten sich viele Hallenser in einer ersten MZ-Umfrage
am gestrigen Tag anfangs zwar verblüfft, doch dann eigentlich nicht
abgeneigt, den Rauen-Intentionen zu folgen. Besonders ältere Bürger wie
Käthe und Horst Weise waren geradezu begeistert. Halle wäre um eine
Attraktion reicher, und der Markt, der früher als einer der schönsten Plätze
auf unserem Kontinent galt, würde wieder seine einstige Ausstrahlungskraft
erhalten, lautete der Tenor fast aller Befragten. Wobei nicht wenige der
Meinung von Bauingenieur Herbert Winkler waren, zuerst die brennenden
Wohnungsprobleme anzupacken, ehe man sich solch einem kostspieligen
Unterfangen zuwendet. "Vielleicht sollte man den Plan in zehn oder 15 Jahren
nochmal aufgreifen", schlug der Lehrer Hans-Joachim Seela vor.
Unabhängig davon, ob der einstige Prachtbau jemals wieder die Ostseite des
Marktes zieren wird, denkt Personal-Stadtrat Hans Strebel schon lange an
einen neuen Verwaltungsbau, in dem viele verstreut liegenden Behörden des
Magistrats unter ein Dach kommen. Der Markt brauche sicher eine
städtebauliche Auffüllung, doch das alte Rathaus wäre in seinen Ausmaßen für
heutige Zwecke viel zu klein. "Wir benötigen ein zweites Gebäude, das
wenigstens so groß ist wie der Ratshof ", schwört Strebel, der schon
Vorstellungen über den Standort hat. Doch die seien noch nicht spruchreif,
so der Karlsruher, dem übrigens am Markt ein moderner Bau anstelle des
historischen Rathaus mehr zusagen würde. Strebel: "Aber da will ich mich
nicht einmischen, das sollen die Alt-Hallenser entscheiden."
Anschub für Sanierung
Kommt der Bauboom?
Halle/MZ/wba. Die "Stadtreparatur" ist das Steckenpferd von Klaus Rauen, und
so dauert es in jedem Gespräch mit Halles Oberbürgermeister nicht lange, bis
die Sprache auf die gewaltigen Bauaufgaben in der Saalestadt kommt. So auch
gestern, als sich der OB den Fragen der Redakteure der MZ-Lokalredaktion
stellte, und dabei eher am Rande seine Pläne zum alten Rathaus lüftete.
Rauen ließ allerdings auch keinen Zweifel daran, dass solche Vorhaben zwar
für Aufsehen sorgen, doch er die ganze Stadt im Auge behalten müsse. Und er
sieht hoffnungsvolle Ansätze, dass jetzt nach dem Zustandekommen des
Solidarpakts die Sanierungswelle anrollt. Für das sogenannte
Entwicklungsgebiet Innenstadt hat das Land bereits Fördermittel zugesagt.
Fließen sie, will die Stadt vorbereitet sein. Deshalb, so Rauen, habe er
auch den früheren Baudezernenten von Ulm unter Vertrag genommen, der derzeit
an einem Sanierungskonzept für das historische Gebiet arbeitet. Städte wie
eben UIm standen einst vor eben solchen Problemen wie Halle heute, und warum
sollte man nicht von deren Erfahrungen zehren, sagte der OB, der sich
deshalb kürzlich mit einigen Stadträten vor Ort umschaute.
Einen regelrechten Boom verspricht sich Rauen auch durch die Zusage von
Landesmitteln für die Instandsetzung von 500 leerstehenden Wohnungen in
Halle. "Wir müssen sehen, wo wir diese Gelder am effektivsten einsetzen
können", erklärte der OB, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender HWG ist.
Gerade für das kommunale Wohnungsunternehmen kommt die m Solidarpakt
vereinbarte Altschuldenentlastung und bestimmte Landesbürgschaften wie
gerufen. "Wir konnten bisher fast keine Kredite aufnehmen, weil kaum ein
HWG-Haus im Grundbuch eingetragen ist. Nun sieht es schon besser aus",
freute sich Rauen, der einräumte, dass die HWG noch abgespeckt werden muss.
Insgesamt 4000 Häuser mit rund 10000 Wohnungen sollen verkauft werden. Das
entlaste das Unternehmen und bringe Erlöse, die dann verstärkt in die
Sanierung gesteckt werden könnten, sagte Rauen, nicht ohne einen Seitenhieb
auf jene zu verteilen, die dieses Konzept im Vorjahr noch verteufelten und
nun selbst auf diese Linie umgeschwenkt seien.
MZ fragte: Was sagen prominente Hallenser zum Vorschlag eines neuen alten
Rathauses?
Halle/MZ. Wie ein Paukenschlag traf die Idee von Oberbürgermeister Klaus
Rauen, das alte, nach dem Krieg abgerissene Rathaus auf dem Marktplatz neu
errichten zu lassen, gestern die halleschen Bürger. Im Traume hatten die
meisten nicht daran zu denken gewagt.
Die MZ bat Prominente um ihre Meinung dazu. Zunächst runzelten alle
Befragten die Stirn: Womit sollte ein solch gewaltiges Vorhaben finanziert
werden? Aber dann folgte meist eine spontane Befürwortung des verwegenen
Plans. Den Saalestädtern könnte somit ein Stückchen Identität zurückgebracht
werden, der Markt käme seiner ursprünglichen Gestaltung näher. Freilich
sollte man auch den Rest des Platzes unter historischem Blickwinkel
aufpolieren. Allerdings müsste, so die Auffassungen, ein neues Gebäude auch
tatsächlich Rathaus und nicht etwa Museum werden.
DR. WERNER PIECHOCKI (Stadtarchivar): Ich bin sehr dafür, denn das alte
Rathaus gehört einfach zum Marktplatz und verkörpert Tradition. Fotos, Akten
und Pläne des von Nickel Hoffmann geschaffenen Gebäudes befinden sich im
Stadtarchiv - das können wir alles zur Verfügung stellen.
HEIDI ECKERT (Parlaments-Präsidentin: Auch, wenn ich erst seit 1979
Hallenser bin, sage ich: Eine tolle Idee! Ich wäre unbedingt dafür, das Haus
in seiner alten Schönheit aufzubauen, wenn Geld dafür da ist, es aber in
jedem Fall als Rathaus, nicht als Museum zu nutzen.
HORST SONNTAG (Ex-Kiebitzensteiner): Als alter Hallenser würde ich mich
natürlich freuen, denn ich habe noch genaue Erinnerungen daran - aber ich
setze hier keinen Punkt, sondern ein Komma. Dahinter steht: So etwas kostet
doch immense Summen. Können wir uns das leisten?
PETER SODANN (nt-Intendant): "Ich bin total überrascht. Man sollte
vielleicht erst den Markt in Ordnung bringen und warten, bis genug Geld da
ist. Aber es wäre schon toll, wenn das olle Ding wieder aufgebaut würde. War
ein schönes Haus. Auf jeden Fall besser als ein modernistischer Bau.
THEODOR LÜHR (Händler): Also, wenn jeder Hallenser eine Wohnung hätte, würde
ich morgen mit dem Bau des neuen alten Rathauses beginnen wollen. Aus
denkmalpflegerischer Sicht schön, besonders für die alten Hallenser. Die
Frage ist: Wer zahlt das?
KOMMENTAR
Ideen als Luftschloss?
Von KERSTIN METZE
Das Geld in Halle reicht vorne und hinten nicht, und da wagt sein
Oberbürgermeister einen verwegenen Gedanken: Das alte Rathaus soll wieder
seinen historischen Platz auf dem Markt bekommen. Ist jetzt Zeit für
Hirngespinste?
Überraschend viele Hallenser stimmten in die Träumereien ein, fanden Rauens
Idee toll. Dem Wohnzimmer, das der Marktplatz einer Stadt sein sollte,
stünde ein ehrwürdiges Gebäude an angestammter Stelle gut, meinten sie.
Jetzt, wo man einmal dabei ist, die Schönheiten der Diva in Grau wieder
hervorzuholen und über die Schließung städtebaulicher Lücken zu sinnieren,
darf man nicht kleinkariert denken. Freilich erschienen den meisten
angesichts des schmalen Stadt-Etats die Ideen (noch) als Luftschloss. Aber
sollte man sie deshalb ad acta legen?
Halles Stadtverwaltung braucht neue Unterschlüpfe. Die Ämter sind zu
zerrissen und verteilt über die gesamte Stadt. Auch Wohnungen - siehe
Neustadt - werden blockiert. Ein Grund mehr, dem Oberbürgermeister und
seinen kühnen Plänen beizupflichten? Wenn es ein neues Rathaus sein muss -
dann bitteschön das alte!
Endgültige Gestalt durch Nickel Hofmann
Halle/MZ. Im Verlauf der Jahrhunderte behielt der Marktplatz sein Aussehen
bei. Hinzukommende Zweckbauten wie Kaufhäuser und Verwaltungsgebäude
änderten an der Gesamtanlage nur wenig. Schwere Schäden nahm der Markt
allerdings in den letzten Tagen des II. Weltkrieges. Am 31. März 1945
beschädigten amerikanische Bomben wertvolle historische Bauten schwer, von
denen nicht alle wieder aufgebaut wurden. Dazu zählt das alte Rathaus. Es
gehörte bis zu seiner Zerstörung zu den ältesten Steinbauten der Saalestadt
und bildeten den Mittelpunkt des kommunalen Lebens. Das heute nur noch auf
Abbildungen existierende Rathaus wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts an
der Stelle eines noch älteren Baus von 1312 errichtet. Die im Kellergewölbe
vorgefundene Jahreszahl 1466 weist auf diese Bauzeit hin. Unter
Ratsbaumeister Nickel Hofmann erhielt das Rathaus seine unverwechselbare
Gestalt im Sinne der bürgerlichen Spätrenaissance. 1558 entstand ein neuer
Laubengang zwischen Turm und Kapelle, mit Bögen und Säulen. Hofmann ließ
1568 den Rathausturm neu aufbauen, einen vierseitigen Backsteinaufsatz, der
von einem achteckigen Fachwerkbau und einer Kupferkuppel gekrönt wurde. Eine
ältere Moritzstatue (1480), die heute im Moritzburgmuseum zu besichtigen
ist, rundete das Bild dieses Bauwerkes ab. 1946 erfolgte leider der Abriss
des im Krieg nur mittelschwer beschädigten Rathauses. Da seine Baupläne noch
vorhanden sind, ist ein Wiederaufbau dieses Gebäudes durchaus möglich.
Mitteldeutsche Zeitung, 18.03.1993, Seite 9
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