Tod eines Rathauses
Und wehe, ihr wagt es, von "Restaurieren" zu reden:
Wie 1946 Halles Symbolbauten starben – Debatte
Über die Abrisswut der Nachkriegsjahre kursieren viele
Legenden. Stets wird behauptet, die Städte hätten vollständig in Trümmern
gelegen. Weder Geld noch Material seien vorhanden gewesen, sie wieder
aufzubauen. Selbst der Abriss des Schlosses in Berlin 1951 wird noch
schöngeredet. So haben deutsche Teilnehmer einer Konferenz von deutschen und
polnischen Experten in Berlin im Januar behauptet, es gebe keinerlei Belege
dafür, dass dabei politische Gründe eine Rolle gespielt hätten.
Durch glückliche Umstände haben sich im Stadtarchiv von Halle an der Saale
Dokumente erhalten, die diese Wissenslücke zumindest für die Saalestadt
füllen. Sie sind für den aktuellen Streit um die Neugestaltung des Marktes
von Halle von Brisanz. Hier geht es darum, ob einer der schönsten
historischen Marktplätze Deutschlands endgültig durch maßstablose Neubauten
zerstört oder im Geist der alten Bebauung rekonstruiert werden kann.
Kernpunkt sind zwei nach dem Krieg mutwillig beseitigte imageprägende
Gebäude des Marktes: das Waagegebäude und das Alte Rathaus. Sie hatten
Kriegsbeschädigungen erlitten, hätten aber ohne großen Aufwand gesichert und
später restauriert werden können. Für Halle, das die geringsten
Kriegsschäden aller deutschen Großstädte erleiden musste, besaßen sie einen
hohen Symbolwert. Dennoch - oder gerade deshalb - beschloss der Rat der
Stadt seinerzeit, sie abzureißen. Wie hat es zu diesem Beschluss in einer
Zeit, in der jedes noch einigermaßen verwendungsfähige Gebäude einen hohen
Gebrauchsnutzen hatte, überhaupt kommen können?
Am 19. Mai 1946 bat der Stadtbaurat von Halle, Prof. Dr.-Ing. Heilmann, der
die heikle Frage der Erhaltung identitätsstiftender Gebäude nicht selbst
entscheiden wollte, den späteren Staatsbaumeister der DDR, Hermann
Henselmann, um Rat. In einem Gutachten vom 30. Mai 1946, das der WELT
vorliegt, antwortete dieser, zu jener Zeit Direktor der Hochschule für
Baukunst und bildende Künste Weimar, mit einer ideologisch-politischen
Klarstellung.
Der Umgang mit dem Rathaus von Halle sei "von grundsätzlicher Bedeutung,
weil dieses ‚Neuaufbau oder Restaurierung' die Kernfrage unseres gesamten
gesellschaftlichen Lebens ist". Es gehe dabei keinesfalls um einzelne
Sachfragen, denn, so Henselmann, eine solche "Vereinzelungs- und
Aufspaltungstendenz ist reaktionärer Herkunft und ein Kennzeichen der Misere
der deutschen Geschichte". Stattdessen müsse man die Grundsatzfrage stellen:
Was wurde zerstört? Die Antwort gab der Ratgeber selbst: "Das Rathaus,
Sinnbild der Macht und Kraft des Bürgertums." Es sei gefallen, "weil die
Macht und die Kraft des Bürgertums zerstört wurden". Und wegen dieses
"Zerfalls der alten Ordnung" dürfe weit über Halle hinaus keine Rede davon
sein, "dass unsere Städte noch durch irgendwelche Mittelchen
restauratorischer Art zu retten wären".
Inquisitorisch bauschte Henselmann nun die Frage, wie der "schönste
Marktplatz Deutschlands" gestaltet werden könne, zu staatstragender
Bedeutung auf: "Sind Euch diese Ruinen nicht deutlich genug? Wagt Ihr es vor
ihrem Angesicht noch einmal und noch einmal, dieses Rezept ‚Restaurieren'
auszugeben? Dieses Rezept, an dem im Grunde schon die Millionen Toter zweier
Kriege gestorben sind?"
Dann entrollte er den strahlenden Prospekt kommunistischer
Zukunftsverheißung: "Wir wollen ein Denkmal dieser Zeit in einem Rathaus
errichten als Sinnbild einer neuen Gesellschaft, als Verkünder der Gedanken
der Freiheit und der Menschlichkeit, die unsere Zeit beherrschen." Darum sei
es "notwendig, dass diese Ruinen verschwinden. Denn alles, was mit einem
Baudenkmal, wie einem Rathaus, geschieht, ist Sinnbild. Und das Abräumen der
Trümmer des Rathauses soll Sinnbild sein für das Abräumen der Trümmer in
unseren Vorstellungen überhaupt."
Es ist nicht bekannt, wie viele derartige "Gutachten" Henselmann an
Stadtplaner und Bürgermeister in der sowjetisch besetzten Zone verschickt
hat, aber sicher ist, dass seine "grundsätzlichen" Erwägungen den Städtebau
in der DDR bis 1990 maßgeblich geprägt haben. Für das gotische Rathaus von
Halle und mehrere weitere Gebäude am Markt, darunter die Waage, war damit
der Stab gebrochen. Stadtbaurat Heilmann wusste die Architektenwettbewerbe
so zu lenken, dass die Abstimmungen gegen einen Wiederaufbau ausgingen. In
der Ratssitzung vom 23. Dezember 1947 erklärte er kategorisch: "Eine
Beseitigung der Ruinen des Waagegebäudes und des Alten Rathauses ist
unerlässlich." Gleichzeitig müsse auch das Porzellanhaus Becker, "obwohl es
nicht zerstört ist", und ein Bankgebäude fallen. Als Argumente sollten
"städtebauliche Gründe" vorgeschoben werden.
Ein gewisses Bauchgrimmen scheint den Rat von Halle freilich damals dennoch
beschlichen zu haben, ob ein solches Vorgehen demokratisch legitimiert sei.
Denn noch in der Ratssitzung vom 9. Dezember hatte der kommunistische
Oberbürgermeister eingestanden: "Ich glaube, die Leute werden sich alle
dafür entscheiden, dass das alte Rathaus, wie es war, wieder aufgebaut
wird." Nur zwei Wochen später präsentierte der von Henselmann in die Senkel
gestellte Stadtbaurat Heilmann die Lösung des Problems: "Bei der
öffentlichen Besichtigung soll die beabsichtigte Stellungnahme der
Bevölkerung zu den einzelnen Entwürfen nicht erkundet werden. Es sollen also
keine Stimmzettel abgegeben werden."
Irgend jemand fand diese Erklärung so bezeichnend, dass er die betreffende
Stelle im maschinenschriftlichen Protokoll mit einem dicken Ausrufezeichen
am Rand markiert hat.
DIE WELT, 04.06.2002, Seite 9
Autor: Dankwart Guratzsch
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