Wo Ulbrichts Bagger wühlten

In Leipzig und Halle wird um den Wiederaufbau gotischer Bauwerke gestritten


Von Dankwart Guratzsch
Mit einer Erbitterung, als ginge es um eine Überlebensfrage, kämpft Leipzigs Universitätsrektor Volker Bigl gegen ein Bauprojekt: Die von Ulbricht 1968 gesprengte gotische Universitätskirche soll auf keinen Fall wiederaufgebaut werden. Das ist dem Wissenschaftler so wichtig, dass er jetzt sogar aus dem Paulinerverein ausgetreten ist - weil diese Bürgerinitiative vom Wiederaufbaugedanken nicht lassen will.
Anstelle der Kirche will Bigl eine moderne Universitätsaula errichten, in die - so die Vorgabe für einen im August 2001 ausgelobten Architektenwettbewerb - "geborgene Kunst- und Einrichtungsgegenstände der Paulinerkirche" integriert werden könnten. Das Bauwerk selbst soll "ein Kunstwerk überragenden Ranges, das ,Markenzeichen' der neuen Universität" sein. 130 Vorschläge gingen ein - kein einziger wurde veröffentlicht. Die Mutmaßungen in Leipzig wollen nicht verstummen, dass unter den Arbeiten kein "überragendes Kunstwerk" war. Und während 28 Architekten ihre Entwürfe noch einmal überarbeiten, um bei der Endausscheidung im Mai doch zum Zuge zu kommen, werden die Rufe lauter, dem Gezerre ein Ende zu machen und mit dem in Umfragen von mehr als der Hälfte der Leipziger gewünschten originalgetreuen Wiederaufbau der Kirche zu beginnen.
Ähnliche Vorbehalte, ähnliche Fronten, ähnliche Winkelzüge auch im benachbarten Halle. Hier kämpft eine Bürgerinitiative darum, das im Krieg leicht beschädigte, 1948 abgerissene Alte Rathaus wiederaufzubauen. Bei der Abräumung des gotischen Baus, der der Vergrößerung des Marktes zum Aufmarschplatz im Wege war, entstand eine klaffende Lücke. Halles früherer Planungsdezernent Friedrich Busmann räumte ein: "Das einmalige Raumerlebnis eines der schönsten deutschen Marktplätze wurde zerstört, zumindest aber sehr empfindlich getroffen." Auch die heute regierende SPD gelobte 1990: "Wir wollen unsere Stadt insgesamt wieder so leistungsfähig machen, dass sie sich neben der Lösung ihrer vielfältigen kommunalen Probleme dann dem Wiederaufbau des Alten Rathauses samt Waagegebäudes widmen kann."
Aber davon ist heute keine Rede mehr. Anstelle der "Waage" soll nun ein Kaufhausklotz mit Flachdach auf den Marktplatz gewuchtet werden, der die Pläne für den Wiederaufbau des Rathauses konterkariert. Unter Hochdruck bereitet die Bürgerinitiative ein Bürgerbegehren vor, wendet sich an Regierungspräsident und Kultusminister. Einer Antwort ist sie bisher nicht für würdig befunden worden.
In der Debatte über die Rekonstruktion zerstörter Gebäude nehmen die Leipziger Paulinerkirche und das Alte Rathaus in Halle eine Sonderstellung ein. Beide Gebäude haben ihre mehr als 400 Jahre das Stadtbild prägende Gestalt in der Zeit der Gotik erhalten. Und auch das verbindet die beiden Bauten: Sie sind nicht dem Krieg, sondern dem Leitbild der "sozialistischen Stadt" zum Opfer gefallen.
Speziell in Leipzig konnte das 1968 nur gegen Widerstände der Bevölkerung, der Kirchen, Professoren und Studenten durchgesetzt werden. Studenten, die Transparente entrollten oder den Wiederaufbau forderten, kamen für Jahre ins Zuchthaus. Inzwischen selbst Professoren, verlangen sie seit zehn Jahren mit Prominenten wie dem Maler Wolfgang Mattheuer, der Bürgerrechtlerin Angelika Barbe und dem grünen Bundestagsabgeordneten Werner Schulz den Wiederaufbau der Kirche.
Bisher allerdings prallten all diese Forderungen in beiden Städten am Widerstand der Verantwortlichen ab. Schon Rektor Bigls Amtsvorgänger Cornelius Weiss wie auch der um Leipzig verdiente Nachwende-Baudezernent Niels Gormsen wollten von einer Rekonstruktion der Paulinerkirche nichts wissen. Und so wie sich mit Oberbürgermeister Tiefensee (SPD) und den sächsischen Ministern für Finanzen und Wissenschaft, de Maizière und Meyer (beide CDU), auch die politisch Verantwortlichen den Gegnern der Kirche anschlossen, so hat jüngst auch die SPD in Halle einen Schwenk um 180 Grad vollzogen. Ihr Fraktionsvorsitzender Dieter Schuh nennt die Bürgerinitiative "eine durch nichts legitimierte Gruppe" und spricht ihr die Befähigung ab, an einer "in die Zukunft gerichteten Gestaltung dieser Stadt" mitzuwirken.
Doch die Aktivisten starteten in Halle am 30. Januar ein Bürgerbegehren gegen das Kaufhaus. In Leipzig fordern die früher Verfolgten, an ihrer Spitze der Essener Philosoph Dietrich Koch: "Die Universitätskirche soll wieder aufgebaut werden zum Gedenken an die Schandtat des SED-Regimes, den Widerstand dagegen und die Opfer und schließlich den Sieg der friedlichen Revolution 1989, die Freiheit und Demokratie gebracht hat."
An die Seite Kochs haben sich 27 Nobelpreisträger gestellt, angeführt von Günter Blobel, dem Medizinnobelpreisträger, der in zahlreichen Bürgerinitiativen für den Wiederaufbau zerstörter Gebäude mitwirkt und sein Preisgeld für die Frauenkirche in Dresden gestiftet hat. In der Petition der Nobelpreisträger heißt es: "Die Paulinerkirche nicht wieder aufzubauen wäre ein folgenschweres Versäumnis, welches nicht nur die 600-Jahrfeier der Universität Leipzig im Jahre 2009, sondern darüber hinaus den Ruf und damit die Zukunft der Universität Leipzig außergewöhnlich stark kompromittieren würde ... Man sanktioniert damit nicht nur die Kulturbarbarei Ulbrichts, sondern ignoriert auch den heroischen Widerstand vieler Leipziger, die gegen dieses Verbrechen kämpften und dafür in Kerkern des Staatssicherheitsdienstes unschuldig büßen mussten."
Das Schreiben hat die Parteien in Leipzig mobil gemacht. Jetzt verlangen FDP und CDU, den Wiederaufbau der Universitätskirche in die Neugestaltungspläne für den Universitätscampus einzubeziehen. Auch in Halle zieht die Sache Kreise: Der Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker schloss sich dem Kuratorium an. Es ist einiges in Bewegung gekommen - genau so, wie es sich die Parteien eigentlich immer gewünscht hatten: "von unten".

Die Paulinerkirche im Netz
Das Alte Rathaus im Netz


DIE WELT, 20.02.2002
Feuilleton
 

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