Ruf nach Ratswaage kurz vor Baubeginn
Verein will Kaufhaus nach altem Vorbild - Stadt: Keine Chance
Ginge
es nach dem Willen des Vereins Kuratorium Altes Rathaus, würde das neue
Kaufhofgebäude auf dem Markt "in seiner äußeren Form und Größe" der
Ratswaage gleichen, die dort gestanden hatte. Um dies zu erreichen, hat der
Verein ein Bürgerbegehren gestartet. Die Stadt macht den Initiatoren keine
Hoffnung auf Erfolg. Mitte April soll bereits Baubeginn sein.
Die Mitglieder des Vereins befürchten, dass durch das moderne Gebäude in der
Nordost-Ecke des Platzes der Denkmalbereich Markt "großen Schaden nehmen
könnte und das Marktensemble empfindlich gestört würde". Sie plädieren
deshalb dafür, die Hülle des Kaufhofbaus nach der Alten Waage zu gestalten.
Zumal das Originalportal des historischen Gebäudes erhalten geblieben sei.
Es soll in die Fassade eingefügt werden.
Die Ratswaage, gebaut Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde im Zweiten Weltkrieg
zerstört, so dass sie wenige Jahre später abgerissen werden musste. Sie war
der erste Sitz der Universität. Das Gebäude könnte, so wird in dem
Bürgerbegehren argumentiert, mit dem Alten Rathaus, das der Verein ebenfalls
wieder aufbauen will, "das historisch bedeutsame Gesicht des Marktplatzes
prägen".
Auf die Frage, warum der Verein erst jetzt, kurz vor Baubeginn, dieses
Bürgerbegehren startet, sagte Wolfgang Altrichter, ein Gründungsmitglied des
Kuratoriums, dass man erst im Zuge der Bemühungen um das Alte Rathaus darauf
gekommen sei. "Das Kuratorium gibt es erst seit dem Jahre 2000." Daraus habe
sich dann die Idee mit dem Bürgerbegehren entwickelt. Er hofft trotz der
Kürze der verbleibenden Zeit auf einen positiven Ausgang. "Schon am ersten
Tag haben sich rund 100 Leute auf dem Markt in die Listen eingetragen, weil
sie auch der Meinung sind, dass ein modernes Gebäude den Markt
verschandelt", sagte er.
Die Stadt hat dazu eine andere Meinung. Nach den Worten von Pressesprecher
Dirk Furchert liege eine rechtskräftige Baugenehmigung vor. "Und die wiegt
schwerer als ein Bürgerbegehren", sagte er. Die Leiterin des
Stadtplanungsamtes, Elisabeth Merk, verwies auf die Debatten, die es im
Vorfeld um die Bebauung der Nordost-Ecke gegeben habe. "Viele Kritikpunkte
sind in den jetzigen Entwurf eingeflossen, es ist viel verändert worden auf
Anregung von Gremien und Institutionen wie zum Beispiel dem Denkmalschutz.
Auch die Öffentlichkeit ist einbezogen worden." Deshalb bestehe eine gewisse
Verpflichtung, nun bei diesem Entwurf zu bleiben.
Nach ihren Angaben sei im Planungsausschuss auch eine historisierende
Version vorgestellt worden. Die sei jedoch recht schnell sowohl vom
Planungsausschuss als auch von der Gestaltungskommission abgelehnt worden -
Nutzung und Hülle hätten nicht zusammen gepasst, so das Hauptargument.
Wolfgang Conrad, Projekt-Koordinator des Investors Frankonia, der den Neubau
errichtet, zeigte sich überrascht von dem Bürgerbegehren. Er machte
ebenfalls darauf aufmerksam, dass die der Ratswaage ähnliche Variante einst
abgelehnt worden sei. "Nun ist nichts mehr zurückzudrehen." Mitte April
werde mit dem Bau begonnen. Er schlug dem Verein jedoch vor, mit ihm in
Kontakt zu treten.
Listen zum Bürgerbegehren liegen am Roten Turm in dieser und der nächsten
Woche dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 14
Uhr aus. Unter anderem in Ammendorf, Trotha und Reideburg kann man in
verschiedenen Geschäften unterschreiben, in Neustadt in einigen Kaufhallen.
Mitteldeutsche Zeitung
07. Februar 2002
Autor: Heidi Pohle
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