Pressestimmen zum Für und Wider des Wiederaufbaus

 

Befürwortung des Wiederaufbaus des Alten Rathauses (Auswahl)

Als Chance begreifen

Was für eine Schlagzeile: Halle baut sein altes Rathaus wieder auf. Zugegeben, das Vorhaben klingt verwegen - doch das ist kein Grund, es abzulehnen. Ebenso wenig hat der Plan, ein einstmals bedeutendes Gebäude wieder aufzubauen, etwas mit dem Versuch zu tun, Geschichte rückgängig zu machen. Die unsägliche Hochstraße und die Betonwüste namens Riebeckplatz sind auch Teile der halleschen Geschichte - abfinden muss man sich mit Ihnen deshalb noch lange nicht (und tut es im Fall Riebeckplatz ja auch nicht). Das alte Rathaus freilich könnte in einem weiteren, für eine Stadt weit wichtigeren Punkt Bedeutung erlangen. Gerade dieses Projekt böte die Möglichkeit, das zu stiften, was vielfach fehlt: Identität und den Sinn für historisches Erbe. Darum muss dieses Projekt als Chance begriffen werden.
Peter Godazgar; Mitteldeutsche Zeitung (MZ) vom 27.01.2001

Schüler veranstalten Umfrage
Reaktionen auf Rathaus

Halle/MZ/go. Die Diskussion um einen Wiederaufbau des alten halleschen Rathauses ist inzwischen sogar zum Teil des Schulunterrichts an der Integrierten Gesamtschule Halle geworden. Jedenfalls veranstalteten Schüler der Klasse 5a im Rahmen einer Projektwoche mit dem Thema „Halle - früher und heute“ unter anderem eine Umfrage. Sie wollten wissen: „Sind Sie dafür, dass das alte Rathaus wieder aufgebaut wird?“ Ihr Ergebnis: 201 Befragte stimmten mit Ja, 131 mit Nein.
MZ vom 06.02.2001

Einige Leserzuschriften Pro

  • Das Ensemble des Marktplatzes verdient es, rekonstruiert zu werden. Den Einwand, ein zerstörtes Stadtbild gehöre zur Stadtgeschichte, kann ich nicht nachvollziehen. Das würde doch bedeuten, dass man vom Krieg zerstörte Städte prinzipiell nicht wieder aufbauen dürfte. Ich wünsche den Initiatoren des Vereins, dass sie reichlich Spenden zusammentragen können, um ihr Projekt zu verwirklichen. Ch. Schielke; MZ vom 31.01.2001

  • Eigentlich wollte ich dazu nichts mehr sagen, aber das Thema ließ mir keine Ruhe. Vor über 55 Jahren wurde das alte Rathaus durch Kriegseinwirkung beschädigt - wohlgemerkt: beschädigt, nicht zerstört. Ich kenne viele Städte, deren Rathäuser im 2. Weltkrieg zerstört wurden. Aber ich kenne nur eine Stadt, die ihr Rathaus nicht wieder aufgebaut, sondern zusammen mit der Ratswaage, in welcher vor über 300 Jahren unsere Universität ihre ersten Räumlichkeiten hatte, abgerissen hat. Da bedarf es doch eigentlich jetzt keiner Meinungsumfrage, sondern nur der Frage, auf welchen Wegen es gelingen kann, einen Rathaus-Neubau zu ermöglichen.
    Lothar Junghanns, Halle; MZ vom 31.01. 2001

  • Als waschechter Hallenser kann ich diesem Vorhaben nur zustimmen. Damit könnten die Hallenser ihre Verbundenheit zu ihrer Stadt unter Beweis stellen. Außerdem wäre es eine weitere Touristenattraktion.
    Klaus Leidloff, Halle; MZ vom 06.02.2001

  • Ich bin nicht davon überzeugt, dass zuerst marode Gebäude saniert und dann das alte Rathaus in Angriff genommen werden sollte. Das eine Vorhaben schließt das andere nicht aus - im Gegenteil, sie ergänzen sich. Trägt ein wieder aufgebautes Rathaus nicht zur Attraktivitäts-Steigerung der Stadt bei? Kann das nicht auch dazu führen, dass mehr Bürger und Firmen aus der Region und darüber hinaus Halles Altstadt als reizvolle Wohnlage oder guten Firmensitz entdecken und bereit sind, in die Sanierung von Altbauten zu investieren?
    Ulrich Schröder; MZ vom 09.02.2001

 

Ablehnung des Wiederaufbaus des Alten Rathauses (Auswahl)
   
Verklärte Geschichte
   
Ist es Nostalgie, die einige Hallenser dazu bringt, das alte Rathaus wieder aufbauen zu wollen? Sie muss respektiert werden. Aber trotzdem ist der Gedanke falsch. Der Abriss des Gebäudes nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist - so bitter das sein mag - Teil der halleschen Stadtgeschichte. Einer Geschichte, die sich nicht im Nachhinein zurechtrücken lässt, indem aufersteht, was es nicht mehr gibt. Da wird Vergangenheit verklärt. Hinzu kommt: Eine Stadt kann sich schlecht entwickeln, wenn nur rückwärts geschaut wird. Das bedeutet keinesfalls, vorhandene Substanz nicht zu sanieren und so zu bewahren. Aber neue Bauten müssen Ausdruck ihrer Zeit sein. Nur dieses Nebeneinander macht ein Stadtbild lebendig. Und Halle will schließlich eine lebendige Stadt sein - kein Museum.
Alexander Schierholz; MZ vom 27.01.2001

Einige Leserzuschriften Contra

  • Den Wiederaufbau des alten Rathauses halte ich für unvernünftig. Die Schönheit des alten Gebäudes bestreite ich nicht. Ich bin gebürtiger Hallenser, Jahrgang 1947, und bleibe weiterhin in Halle. Der große Marktplatz sollte in der jetzigen Größe erhalten bleiben. Er hat seine Funktionalität schon oft bewiesen. Mir und meiner Familie gefällt er so.
    Clemens Weidner, Halle; MZ vom 31.01.2001

  • Wenn schon altes Marktbild, dann aber bitte komplett wie vor 60 Jahren: mit Waage-Gebäude und ohne Kaufhof und Commerzbank. Aber das ist ja wohl nun nicht mehr umkehrbar, und die „Gestrigen“ sollten sich endlich mit dem realen Marktbild abfinden. Und was hätte Fritzchen Müller, fünf Jahre, vom alten Rathaus? Ein neuer Spielplatz wäre ihm sicherlich viel lieber.
    Wilfried Thorwirth; MZ vom 31.01.2001

  • Es gibt wirklich wichtigeres als den Wiederaufbau des alten Rathauses, zum Beispiel dringende Investitionen in die Infrastruktur und die Schaffung zukunftsträchtiger Arbeitsplätze zur Verminderung der Unterbeschäftigung. In frühestens 20 Jahren könnte erneut darüber nachgedacht werden. Die im Erdreich noch vorhandenen Reste könnten ja erhalten bleiben. Die ganze Diskussion verkleistert nur den Blick auf die drängendsten Probleme der Stadt.
    M. Kallenberg; MZ vom 31.01.2001

  • Es wäre besser, der Verein sammelt Geld für die Instandsetzung vorhandener historischer Bauten. So hat z.B. der Rote Turm eine Kur nötig. Die fünf Türme sind identitätsstiftend. Das alte Rathaus war architektonisch kein großer Wurf.
    Andreas Groß, Halle; MZ vom 31.01.2001

 

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