Halle - heimeliges
Habitat
Aus der Apokalypse sozialistischer Verdammnis zum restaurierten
Vorzeigemodell verdichteter Urbanität
Halle an der Saale strotzt vor kultureller Kraft. Nicht nur als Stadt der
Händel-Festspiele und der einzigartigen Marienbibliothek, nicht nur als Stadt der
Franckeschen Stiftungen, die sich zu einem kulturellen Kraftwerk entwickelt haben, sondern
auch wegen seiner Architektur. In Deutschland hat keine zweite Stadt vergleichbarer
Größe den zweiten Weltkrieg so unbeschadet überstanden. Keine andere besitzt eine auch
nur annähernd so dichte, unverletzte großstädtische Struktur mit herausragenden
Beispielen bürgerlicher Geschäfts-, Büro- und Mietshausarchitektur.
Halle ist heute das größte Freilichtmuseum flächenhaft intakter großstädtischer
Baukultur des 19. Jahrhunderts, das Deutschland besitzt. Erstaunlicherweise hat man das
nicht einmal im Rathaus der Stadt erkannt und deshalb bis heute versäumt, es zu einem
Thema des Stadtmarketings und der Tourismuswerbung zu machen.
Jetzt zeigt das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt/Main "Halle an der Saale" -
wenn auch nur in einem winzigen Ausschnitt. Doch immerhin wird der Blick auf ein
Wiedererweckungswunder gelenkt, an das noch vor wenigen Jahren kaum zu glauben war.
Was das Museum präsentiert, ist ausgerechnet das, was den Besucher zunächst am wenigsten
interessiert: "Neue Bauten und Projekte". Sie sehen auf den ersten Blick aus wie
überall. Was sie für die Stadt bedeuten, kam erst erfahren, wer dort war, wer die
winkligen Straßen abgegangen ist, wer vor der überbordenden Pracht der grell gefärbten
Gründerzeitfassaden mit ihren Erkern, Gesimsen, Karyatiden, ihren Türmen und Giebeln,
gestanden hat. Wer die Enge der Gassen erfahren, das Hallen der Schritte und das
ununterbrochene Quietschen der Straßenbahnen gehört hat, und wer sich vielleicht
staunend gefragt hat, ob es in ganz Europa eine zweite Stadt mit so dichter Taktfolge
öffentlicher Verkehrsmittel gibt.
Erst vor dieser urbanen Kulisse werden die neuen Gebäude lesbar. Ihre "fast karge
Architektursprache, der jeder Überschwang, jeder Ansatz von Ornamentik fremd ist",
wie die Chefin des Architekturmuseums, Ingeborg Flagge, hervorhebt. Deshalb wird man
bedauern, dass die alte Stadt in der Ausstellung nicht vorkommt. Denn die Museumsleiterin
hat Recht: Von dem Wechselspiel profitieren auch die alten Bauten - vor allem aber
deshalb, weil in Halle unter dem Planungsdezernten Busmann ein konsequenter, im Sinne von
Habitat "fortschrittlicher" Städtebau gemacht wird.
Sein wesentliches Kennzeichen ist die sonst so oft gescholtene Dichte: Halles Altstadt
wird nicht, wie es jetzt den Gründerzeitvierteln im benachbarten Leipzig droht,
aufgelockert, sondern die Planung setzt auf Dichte, Kompaktheit,
Nutzungsvielfalt und Nutzungsmischung, kurze Wege, Blockrandbebauung, abgeschirmte
idyllische Höfe. Es ist das Alphabet des europäischen Städtebaus, das neu buchstabiert
wird - Halle, das nie die Ehre hatte, eine "Modellstadt" des
Bundesbauministeriums zu sein, ist heimlich im Begriff, zum eindrucksvollsten
Habitat-Modell zu werden, das Deutschland vorzuweisen hat.
Dabei war die Ausgangslage der Stadt in der Stunde der Wiedervereinigung apokalyptisch.
Der SED-Staat hatte an Halle ein Exempel "sozialistischen Städtebaus"
exerziert, das auf die Vernichtung der Altstadt zielte. Auf der "grünen Wiese"
wurde für 100000 Menschen "Halle-Neustadt", Deutschlands zweitgrößte
Plattenbausiedlung, erbaut und der Stadtkern mit seinen gotischen und gründerzeitlichen
Bauzeugnissen "leergezogen" und so dem Verfall preisgegeben.
Als die Wiedervereinigung kam, waren die Bagger schon dabei, ganze Stadtteile
niederzureißen. Die von Bomben verschont gebliebene Innenstadt glich einem Trümmerfeld,
als hätten brandschatzende Kriegshorden in ihren Mauern gehaust.
Dieses Bild ist getilgt. Was nur mühsam in Gang kam, was bei der katastrophalen
Finanzlage Sachsen-Anhalts und infolge wohl auch mangelnder Unterstützung durch die
Landesregierung in der Konkurrenzstadt Magdeburg lange aussichtslos schien, was durch
massenhafte Ansiedlung von Einkaufsmärkten auf der Grünen Wiese vor den Toren der Stadt
regelrecht torpediert wurde, die Wiedergeburt Halles aus der Altbausubstanz heraus,
scheint zu glücken.
Es ist ein Sisyphusakt. 60000 Einwohner haben die Stadt verlassen. Dennoch ist nicht mehr
zu übersehen: Halle blüht auf und holt seine Einwohner aus den Plattenbauwüsten von
Halle-Neustadt und Silberhöhe ins Zentrum zurück.
Auch das Gespenst einer Verhunzung des einzigartigen Stadtbildes durch flächenhafte
Abrisse und stupide Neubauten ist gebannt. Schien es zeitweise, als wolle der Geist von
Halle-Neustadt nun auch von der Altstadt Besitz ergreifen - Wohnbauten wie in der Kleinen
Marktstraße oder die spiegelverglaste Commerzbank am Markt erwecken grauenvolle
Assoziationen - so wird jetzt erkennbar, dass sie nur das Image der lnvestoren, aber nicht
das der Stadt zu schädigen vermögen. Daran haben neben der Stadtplanung die drei in
Frankfurt ausgestellten Architektenbüros, maßgeblichen Anteil.
Zu den Glanzpunkten zählen das Händelkarrée, von Kister, Scheithauer, Gross, das
Juridicum von Thomas van den Valentyn und Gernot Schulz und das noch im Bau befindliche
Audimax - Wettbewerbsentwurf von Thomas van den Valentyn und Gernot Schulz, Ausführung
von, Annette Hillebrandt und Gernot Schulz. Dass all diese Architekten aus Köln stammen
und etwa die neue Händel-Konzerthalle (Architekten: Braun & Schlockermann und
Köhler, Frankfurt/M.) sowie der (architektonisch dürftige) Verwaltungsbau für den
Mitteldeutschen Rundfunk (Architekten Novotny, Mähner & Assoziierte, Offenbach) in
der Ausstellung nicht vorkommen ist ein Schönheitsfehler.
Auch einige Bauprojekte vermögen nicht zu überzeugen.
Problematisch erscheint etwa der unentschiedene Kaufhausbau von Kister,
Scheithauer, Gross für den Markt, der das verloren gegangene Rathaus ersetzen soll. Hier
steht die Stadt vor der Wahl, entweder das prachtvolle, stadtbildprägende Rathaus zu
rekonstruieren oder einen konsequenten, schnittigen Neubau ohne Rücksicht auf
Stadtgrundriss und Nachbargebäude zu wagen. Mit dem jetzt anvisierten faulen Kompromiss
droht eine Pleite wie mit der Commerzbank vis-à-vis.
Tipp: Die Ausstellung läuft noch bis zum 1. Mai, der Katalog aus der VerIagsgruppe Rudolf
Müller, Köln, 47 Seiten, kostet 15 Mark.
[Hervorhebung durch das KAR]
DIE WELT, 25.04.2001, Seite V
Autor: Dankwart Guratzsch
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