Was spricht für den Wiederaufbau?

Der Wiederaufbau des Alten Rathauses

·      ist ein Symbol für das Selbstbewusstsein der Stadt und ihrer Bewohner.
Rathäuser haben große symbolische Bedeutung für die Selbständigkeit und Kraft einer Stadt.
Seit der Zerstörung der Gebäudeteile aus Gotik, Renaissance und Barock vor mehr als 50 Jahren verfügt Halle jedoch nur noch über den 1928/29 als Nebengebäude errichteten Ratshof.
Von der rekonstruierenden Vervollständigung der historischen Rathausanlage würde ein weithin sichtbares Signal für die Tatkraft und Entschlossenheit der halleschen Bürger ausgehen: Auch sie bringen zu Wege, was andere Städte geleistet haben und leisten.

·      trägt zur Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt bei
Das Bild des Alten Rathauses ist nach wie vor lebendig: in den Erinnerungen vieler Hallenser, in Büchern und auf Ansichtskarten, im Internet und als Bronzeplastik auf dem Marktplatz.
Die Wiederherstellung dieses geschichtlich und künstlerisch herausragenden Bauwerkes weckt Begeisterung und Identifikationsbereitschaft. Durch Spenden und aktive Teilhabe am Wiederaufbau können Bürger und Freunde Halles ihre emotionale Verbundenheit mit der Stadt zum Ausdruck bringen.
Als Haus der Bürger bereichert es den Erlebnisraum der historischen Altstadt und steht vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten offen.

·      ist geschichtsbewusste Stadtreparatur
Ein auf den historischen Fundamenten und Kellergewölben wieder hergestelltes Altes Rathaus schließt eine städtebauliche Wunde im Herzen der Stadt und macht den Marktplatz wieder zu dem, was er vor 100 Jahren war: zu einem der schönsten Plätze Deutschlands. Es zeugt von unserer Entschlossenheit, die Nachkriegs-Fehlentscheidung zum Abbruch des nur teilweise zerstörten Rathauses zu korrigieren und städtebaulichen Fehlentwicklungen Einhalt zu gebieten. Auf die wechselvolle Geschichte des Bauwerks kann durch bildkünstlerische und architektonische Gestaltungsmittel eingegangen werden.

·      ist aktive Wirtschaftsförderung
Der Wiederaufbau ist ein zukunftsträchtiger Beitrag zur Verbesserung der Standortqualität und zur wirtschaftlichen Gesundung Halles. Er sorgt für ein hohes Maß an publizistischem Interesse, lenkt die Aufmerksamkeit von Entscheidungs-trägern aus Wirtschaft und Politik auf unsere Stadt, zieht Investoren und Touristen an. Ein mehrjähriger Wiederaufbau kann konjunkturell ausgleichend wirken.

·      sorgt für Arbeit und Ausbildungsplätze
Der Wiederaufbau des Alten Rathauses im Rahmen einer ‚publicprivate partnership’ setzt Investitionen in Millionenhöhe frei. Der überwiegende Teil der Arbeiten sollte an regionale Baufirmen und Handwerksbetriebe vergeben werden. Auszubildende verschiedener Gewerke werden mit den Besonderheiten historischer Baumaterialien und –technologien vertraut gemacht. Alle an dem Projekt Beteiligten arbeiten in der Gewissheit, etwas Bleibendes zu schaffen.

·      ist Imageverbesserung und Tourismus-Werbung für die Stadt Halle
Erfolgreiches Stadtmarketing beruht stets auf der Individualität eines historischen Stadtbildes. Dessen komplettierende Wiederherstellung geht vielerorts mit einem beträchtlichen Imagegewinn einher. Keineswegs zufällig wirken Wiederaufbauprojekte wie die Dresdner Frauenkirche oder das Fortunaportal des Potsdamer Stadtschlosses als Besuchermagneten.
Der Wiederaufbau des Alten Rathauses wird weit über die Grenzen der Stadt Halle und Sachsen-Anhalts hinaus für Gesprächsstoff sorgen und den Ruf der Stadt verbessern.

·      ist eine Investition in die Zukunft
Im Gegensatz zu den fast ausschließlich kommerziellen Interessen dienenden und allzu oft gestalterischer Beliebigkeit unterworfenen Zweckbauten der zeitgenössischen Architektur entsteht mit dem „neuen“ Alten Rathaus ein dauerhafter und höchst individueller Orientierungspunkt am wichtigsten Platz der Stadt.
Als Stein gewordener Bürgerwille vermittelt das Bauwerk Geborgenheit und Heimatgefühl, macht Geschichte erlebbar und baut Brücken zwischen den Generationen. Großeltern, die das Alte Rathaus noch aus eigener Anschauung kennen, werden stolz sein auf Kinder und Enkel, die am Wiederaufbau mitwirken und ein Zeugnis lebendiger Erinnerung für die kommenden Jahrhunderte schaffen.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Dr. Kurt Gerstenberg, Professor der Kunstgeschichte an der Universität Würzburg, über den halleschen Marktplatz und das alte Rathaus (1947):
Wer je in Halle war, wird aufs stärkste gepackt sein durch das Bild des grossartigen Marktplatzes. Da ich über anderthalb Jahrzehnt das Glück gehabt habe, an der Universität Halle zu lehren, ist mir dies Bild nicht nur ans Herz gewachsen, ich habe mir auch über die Gründe seiner schlagenden Wirkung Rechnung zu geben gesucht. So gewaltig der Rote Turm - Ausdruck einer nackenstolzen Bürgerschaft - auch ist, er ist nicht zu denken ohne die Gruppe der beiden Turmpaare der Marienkirche auf der einen und der achtseitigen Kuppel und dem derbkräftigen Masswerkgiebel des Rathauses auf der anderen Seite. Damit kommt man auf das Entscheidende. Die bedeutende Haltung des Platzes wird gewonnen durch seine Geschlossenheit, durch die gleichmäßige Umhegung mit Platzwänden, der die so prächtig aufeinander abgestimmten Turmakzente hüben und drüben Leben und Individualität geben. Nun hat das neunzehnte Jahrhundert durch ungeschlachte Unternehmerbauten an einigen Stellen Unruhe und schlechte Massverhältnisse hineingebracht. (Namentlich das sogenannte Neue Rathaus sollte man durch Abmeisseln seiner Schrecken entkleiden und um die aufdringliche Wirkung bringen.) Alles hängt daher heute von der ausgeglichenen und edlen Rathausseite ab, die die Stimmung des Ganzen durch die Jahrhunderte am reinsten bewahrt hat. Die Geschlossenheit der Platzwand ist beim Rathaus wahrhaft vollkommen, indem der Einlauf der Leipziger Strasse auch auf das glücklichste verdeckt wird. Die scheinbare Ungeschicklichkeit solcher Enge erweist sich als baukünstlerische Weisheit. Sie durch Abbruch zu zerstören, wäre das Gegenteil von Weisheit. Das Rathaus ist kein einheitlicher Bau, es ist aber in stilsicheren Zeiten zu einem ungemein glücklichen Organismus zusammengewachsen. Man muss seine Räume durchschritten haben, in seinen weiten Dielen bei festlicher Gelegenheit Gast der Stadt gewesen sein, um zu wissen, wie ungewöhnlich treffsicher hier die Stadtbaumeister früherer Zeit gewaltet haben, um im Inneren des Rathauses eine "gute Stube" für die Stadt zu schaffen. Es ist eine wahrhaft charaktervolle Schönheit, die im Rathaus in die Erscheinung tritt, sie ist Ausdruck mitteldeutschen Wesens. Die Denkmalspflege unserer Tage hat gerade solchen Werten schon seit langem Geltung zu schaffen gewusst. Es hiesse daher wohl Salz in die Hallorenstadt bringen, wenn man die halleschen Stadtverordneten eigens auffordern wollte, für den Wiederaufbau der zerstörten Teile des schönen alten Rathauses in Halle einzutreten. aus: „Das Schicksal des Rathauses der Stadt Halle/Saale“. Eine Dokumentation zur Entscheidungsfindung über seinen Abriß im Jahre 1948 in den Gremien des Rates der Stadt Halle und der Stadtverordnetenversammlung 1946 -1950. Erstellt vom Stadtarchiv Halle, 1994
(Hervorhebungen durch U. Schröder)

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