MEMORANDUM HALLENSIUM
oder
WAS ES IN HALLE ZU BEDENKEN GILT
Der Markt ist der älteste und von Anfang an wichtigste Platz
der Stadt wie bei allen alten Städten, das Rathaus neben der Kirche die
wichtigste und die älteste Institution der Stadt.
Geschichtlich gesehen ist die Stelle, an der das Rathaus stand, gleichsam
ein heiliger Ort, ein eigentlich unantastbarer, einmaliger Teil der
Identität. Er ist ein Punkt der Unverwechselbarkeit über Jahrhunderte
hinweg, und wirkt heute wie eine entstellende Zahnlücke im Gesicht der
Stadt.
Es stellt sich auch hier wie andernorts in Städten mit großartiger
Geschichte die Frage, wie gehen wir mit den mehr oder weniger willkürlich
gerissenen Lücken an Orten um, deren verlorene Bauten zum
Identifikationsbereich, zum Stadtbild gehören.
Gerade in einer Zeit, die Geschichte wenig achtet und meint dieser durch
„Fortschritt“, durch „Modernsein“ entkommen und in eine vermeintlich
„bessere“ aber doch gänzlich unbekannte Zukunft flüchten zu können, ist es
unumgänglich, die besten Bilder, Bauten und Erzeugnisse einer
tausendjährigen Kultur in die Zukunft mitzunehmen.
Über lange Zeit gewachsene Identität ist durch nichts zu ersetzen. Nur der,
der weiß, woher er kommt, was ihn trägt, hat den rechten Maßstab, das rechte
Bewußtsein seiner selbst.
Die Stadt ist das große Zuhause der Menschen, die in ihr leben, der
Marktplatz die „gute Stube“ der Bürgerschaft. Das alte Rathaus mit der
Ratswaage war darin das wichtigste weltliche „Möbelstück“ und Erbe, in dem
zu Zeiten der hallischen Universität auch die öffentlichen Vorlesungen
stattfanden – eine Nutzung auf höchstem, geistigem Niveau, der Mitte der
Stadt angemessen.
Liebe Ratsherrinnen und Ratsherrn von Halle,
es ist gewissermaßen Ihre Geschichte, um die es geht. Ihre
Vorgänger aus vielen Jahrhunderten verpflichten Sie, Ihren ureigensten
(Stand-)Ort weiterhin heilig zu halten und ihn nicht der Mode des
Zeitgeistes preiszugeben. Wahren Sie bei der Neubebauung des Grundstückes
den Maßstab der Geschichte, des Ortes und der Nutzung.
Entscheiden Sie sich für die das Ensemble der alten Bauten wieder
vervollständigende historische Bebauung an diesem Ort. Das Kaufhaus muß vom
Platz zurückweichen und der Geschichte und der Bedeutung des Ortes Raum
geben. Es ist keineswegs rückschrittlich, sich seiner Vergangenheit
zu vergewissern und sie zur gelebten Wahrnehmung wieder sichtbar zu machen.
Opfern Sie den Platz auch nicht dem verständlichen, aber zu kurzsichtigen
Bemühen um eine für das Stadtsäckel einträgliche Vermarktung.
In der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB, sie hat heute,
11 Jahre nach ihrer Gründung über 1500 Mitglieder) hat uns blankes
Entsetzen erfaßt, als wir die jüngsten Planungs-Vorschläge für den Ort der
Ratswaage zu Gesicht bekamen. Wir haben uns inzwischen vor Ort
ein Bild von diesem Platz gemacht. Es ist uns nicht gleichgültig,
was in anderen deutschen Städten geschieht, besonders, wenn sich dort
dasselbe ereignet wie das, wogegen wir uns hier in Berlin wenden müssen. Wir
leiden dann mit.
In diesem Sinne bitten wir Sie: Lassen Sie nicht zu, daß ein
grobschlächtiger Klotz- und Klumpenbau zwischen die schönen alten eher
zierlichen, fein gegliederten Gebäude gestellt wird. Läßt man einen
Elefanten in einen Porzellanladen?
Lassen Sie sich von den Architekten und Planern, die nur Erfüllungsgehilfen
und Dienstleister für den Bauherren sind, nicht vorschreiben, was Sie als
Bauherr(in) für „modern“ zu halten haben. Modern ist nicht modern, nur weil
es neu und Mode ist – es kommt auf die Qualität und den Maßstab an
(nur die sind langlebig) und darauf, was der jeweilige Ort und die
Geschichte verlangt.
Bewahren Sie Ihre schöne Stadt, die so wunderbare Zeugnisse
großer Kultur noch immer hat, vor einer einmalig schlimmen Blamage,
die kaum wieder gutzumachen wäre! Sie gäben damit auch ein wichtiges Zeichen
für die Erhaltung vieler notleidender Altbauten in Ihrer Stadt.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viel Erfolg!
Für die Gesellschaft Historisches Berlin
Dr. Bernd Wendland
Architekt
(Unterstreichungen: U. Schröder)
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