Auszug aus einem Offenen Brief zur Bebauung der Nordost- und Ostseite
des halleschen Marktplatzes vom 11. November 2000
[gerichtet vor allem an die Mitglieder der Fraktionen des
halleschen Stadtrates]
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor der nahenden Abstimmung über die Bebauung der Nordost-Ecke des
halleschen Marktplatzes möchte ich Sie nachdrücklich auf die Besonderheit
dieses Bauplatzes und der gesamten Ostseite des Marktplatzes aufmerksam
machen [...] Die klügste und weitsichtigste Entscheidung wäre der mittel-
oder langfristige Wiederaufbau der Ratswaage und die Nutzung des Gebäudes
u.a. zur Deckung des Raumbedarfs für die Stadtverwaltung (z.B. das
Stadtarchiv), ggfs. auch für Zwecke der Universität und/oder kultureller
Einrichtungen. [...]
Falls Sie tatsächlich davon überzeugt sind, dass die Stadt Halle
ausgerechnet auf dieser geschichtsträchtigen Seite des Marktes ein weiteres
Kaufhaus benötigt, die vorhandenen Kaufhäuser am Markt nicht ausreichen, ein
Fußweg über den Markt zum Hallmarkt unzumutbar wäre (wo Platz für ein
weiteres Kaufhaus wäre), dann müssen Sie sich von dieser und nachfolgenden
Generationen vorwerfen lassen, dass Ihre Entscheidung kurzsichtig, zu sehr
auf den Tag bezogen war, Sie nicht erkannt haben, dass die Wiedererrichtung
historischer Gebäude nicht von Rückwärtsgewandtheit , sondern von
langfristigem, vorwärts gerichtetem Denken zeugt. Übrigens findet die
Unterschriftensammlung insbesondere auch bei jungen Hallensern Zustimmung,
die ja die nächstliegende Zukunft repräsentieren [...]
Die Minimalforderung geschichts- und zukunftsbewußter Bürger bei einem
befürchteten Votum für einen Kaufhausneubau wäre, dass die dem Markt und der
Rathausstraße zugewandten Seiten und das Dach dem Äußeren der Ratswaage
weitgehend entsprechen. Auch wenn dies zunächst für die Bauherren teurer
würde, so entstünde doch kein 0-8-15-Kaufhaus (wie in der „MZ“ vom
11.10.2000 vorgestellt), sondern ein Gebäude, das weithin akzeptiert wird
und sich letztlich für Betreiber und Stadt auf lange Sicht auszahlt. Der
Reiz des Einkaufs in der Leipziger und anderen restaurierten Innenstädten
ergibt sich in besonderem Maße aus der Freude an gelungener
wiedererstandener Architektur.
Ebenso wie Sie heute im Stadtarchiv nachvollziehen können, wer in den
Nachkriegsjahren wofür plädiert hatte, wird auch Ihre Entscheidung auf dem
Prüfstand der Geschichte stehen und mit Anerkennung, Kopfschütteln oder Zorn
aufgenommen werden. Sie können nicht sagen, sie hätten nichts gewusst von
der ehemaligen Schönheit des Marktes [...] und den Vorteilen, die
wiederhergestellte Bauten für eine Stadt bringen. Erinnert sei
beispielsweise an die Warschauer Altstadt, Münster/Westfalen usw.
Denken Sie bei Ihrer Entscheidung in historischen Dimensionen. Setzen Sie
sich dafür ein, dass der Marktplatz nach und nach in seiner alten Schönheit
wieder entsteht. Ihre anstehende Entscheidung wird
beachtet, nicht nur in Halle - auch anderenorts in Deutschland und im
Ausland.
gez. U. Schröder
Initiator der Unterschriftensammlung
für den Wiederaufbau des alten Rathauses
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